Grobe Reflektionen zum Kocak-Aus

Bevor es schon wieder viel zu schnell mit der neuen Saison in der zweiten Liga losgeht: Ein kurzer, komprimierter und wenig detaillierter Rückblick auf das Ende der Kocak-Amtszeit. Wie immer mit taktischem Schwerpunkt, aber in der strukturellen Erklärung unter Einbeziehung der Kaderzusammensetzung.

Grober taktischer Rückrunden-Rückblick

Der taktische Aspekt, der das Ende der Hin- mit dem Beginn der Rückrunde inhaltlich verband (wann auch immer die Rückrunde angefangen hat, war das schon 2021 oder noch 2020?), war der fortgesetzte Versuch, das 4-1-4-1/4-3-3 als neue Stammformation zu etablieren. Dabei wurde vor allem das aktive und aggressive Pressing als das charakteristische Element des 96-Spiels betont. Aus dem 4-1-4-1 wurde allerdings schon damals immer öfter eine 4-4-2 bzw. 4-2-3-1-Staffelung hergestellt, indem ein Achter mannorientiert aufrückte und der andere ihn absicherte oder ein Flügelstürmer aus der Halbstellung zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger ins hohe Pressing neben den Zentrumsstürmer aufrückte.

Solche diagonalen Läufe sorgten einerseits für eine höhere Intensität im Spiel gegen den Ball (und wurden in den guten Spielen veredelt, indem die hinteren Spieler geschlossen nach vorne nachrückten und die Kompaktheit hoch hielten). Andererseits sind sie aber wohl als Versuch zu verstehen, für den erhofften Ballgewinn und Konter die Offensivpräsenz zu erhöhen und die Bedrohung für die gegnerische Verteidigung zu steigern. Insofern spiegelt das in dieser Phase zuverlässigste und punktuell eindeutig beste Element des 96-Spiels seine Ausrichtung wider: Intensität, Tempo, Tiefe und schnelle Angriffe sollten forciert werden. Zudem wurde mit Bordmitteln versucht, die von der Kaderstruktur beförderten Schwierigkeiten zu kompensieren – das Problem, in Formationen mit einem Zentrumsstürmer eine Balance aus Offensivpräsenz und Unterstützung für das Mittelfeld zu schaffen, sollte sich schließlich durch die ganze Rückrunde ziehen (wie es sich auch schon in der Hinrunde gezeigt hatte).

Sturm- und Stürmer-Probleme

Nicht nur, aber vielleicht ganz maßgeblich lassen sich die Schwächen von 96 immer wieder auf die nie richtig gelöste Frage nach der Sturmbesetzung zurückführen. Die Ausrichtung auf Tempo und Tiefe wurde oft mit langen Bällen und direkten Anspielen an die letzte Linie vermittelt (dazu später noch etwas mehr), was aber nicht die passende Spielweise für Ducksch als Solo-Stürmer ist. Auf Ducksch zugunsten des als Zielspieler wesentlich besser geeigneten (und trotzdem ineffektiven) Weydandt zu verzichten, hätte aber nicht nur einen Qualitätseinbruch bedeutet, sondern 96 auch seiner einzigen konstanten Option für das geordnete Übergangsspiel beraubt: Sowohl aus dem 4-2-3-1 als auch dem 4-1-4-1 heraus waren Positionswechsel und flache Kombinationen über die linke Seite mit dem ausweichenden Stürmer, Haraguchi (und/oder Muslija) und Hult ein oft gesehenes Mittel im Ballbesitzspiel.

Mit Weydandt als einzigem Stürmer (egal ob im 4-1-4-1 oder im am Ende der Saison oft gesehenen 4-2-3-1) oder als zweiter Spitze im 4-Raute-2 gab es andererseits beim Spiel ins letzte Drittel immer eine hilfreiche Ordnung und eine gewisse Fixierung der Positionsordnung. Aber wenn dann nicht die Seite mit Hult, Haraguchi und Ducksch betont werden konnte, konnte 96 einfach wenig zeigen außer: irgendwie über Außen aufrücken und dann mal schauen (zweite Bälle, Tiefenläufe nach dem Gegenpressing, etc). Gegen die Formation mit einem zweiten Stürmer sprach wiederum (vermutlich) die Überlegung, dass es dem 96-Mittelfeld ohnehin an Präsenz und Bewegung gemangelt hatte, um genug Optionen für den Spielaufbau bereitzustellen – ein zweiter Stürmer hätte die Anzahl an beweglichen Spielern im zweiten Drittel weiter reduziert und 96 noch stärker auf lange Bälle als Mittel im Vorwärtsgang festgelegt. Die Kompensation der ausweichenden Bewegungen von Ducksch (durch aufrückende Achter oder einrückende Flügelspieler) war zwar auf dem Papier immer flexibel. Diese Positionstausche sind im realen Spiel in der Regel aber eindimensionaler und limitieren das Spiel stärker als es zu bereichern. Der Fokus auf Tempo und Tiefe im Angriff bedeutet, dass ein einrückender Lauf eigentlich nur auf eine Weise funktionieren kann.

Aufbau-Probleme

Dass die Probleme von 96, das Spiel abseits des Pressings eigenständig zu entwickeln und Offensivgefahr auszustrahlen, von vorne nach hinten ausgegangen wären, wäre also nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt. Denn auch als das im Grundsatz effektive und qualitativ zufriedenstellende (hohe) Pressing dem 96-Spiel ein einigermaßen annehmbares Niveau gewährleisten konnte, traten die Defizite im Spielaufbau schon mehr oder weniger deutlich hervor – wobei Defizite als Begriff vermutlich nicht treffend ist, eher handelte es sich um taktische Einschränkungen, die zur strategischen Einfältigkeit führten (oder aus ihr hervorgingen, man weiß es ja nicht).

Über die ganze Endphase der Kocak-Amtszeit hinweg zog sich das Muster eines weitgehend vorhersehbaren und starren Spielaufbaus. Aus der ersten Aufbaureihe gingen kaum Impulse zur Spielauslösung hervor, weil bzw. obwohl sie sehr zahlreich besetzt wurde: Als 96 im 4-3-3 und 4-2-3-1 spielte, nutzte die Mannschaft die Flügelstürmer oft dazu, die gegnerische Verteidigung tief und gestreckt zu halten (was richtig ist), blockierte damit aber auch die Aufrückräume seiner Außenverteidiger. Da sich zu den eher tief angebundenen Außenspielern der Viererkette auch immer ein den Aufbau aktiv unterstützender Sechser gesellte, war 96 immer in der Gefahr, eine flache Aufbaureihe zu stellen und zu wenige Spieler vor dem Ball (bzw. hinter der ersten gegnerischen Pressingreihe) zu postieren.

Die verbliebenen zentralen Spieler (meistens nur der zweite Sechser/ein Achter) bewegten sich zu passiv, banden nicht bewusst genug die Gegenspieler und wichen eher ballfordernd statt raumöffnend aus. Diese Probleme wurden eher noch verstärkt, als Muslija im 4-2-3-1 als linker Flügelspieler (oder auch als Achter im 4-1-4-1) eingesetzt wurde. Doch selbst wenn einmal Gegner aktiv gebunden und Räume freigezogen wurden, wurde ein Andribbeln durch die Innenverteidiger praktisch nie gesehen. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass sich viele Gegner in der Rückrunde auf eher abwartende Pressingpläne verlegten, in der ersten Reihe nur selten aktiv nach vorne orientiert waren und stärker auf leitende Solo-Pressingspitzen setzten statt auf aggressives Anlaufen mit mehreren Akteuren. So wurden, neben relativ leicht zu verteidigenden longline-Angriffen, lange Bälle früher oder später unausweichlich – und damit das Problem mit der Sturmbesetzung (wieder) akut.

Strategische Problemursachen

Bei dem Versuch, das alles auf möglichst wenige, aussagekräftige erklärende Faktoren zurückzuführen, wird die Erzählung natürlich etwas oberflächlich und vereinfachend. Aber im großen und ganzen kann man argumentieren, dass 96 unter Kocak nie eine funktionierende Alternative zu dem letzten fruchtbaren System gefunden hat, das er relativ kurz nach seiner Amtsübernahme eingeführt hat. Man kann dem Trainer nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben.

Ein wiederkehrendes – und aus taktischer Sicht vielleicht auch das klarste – Muster der Rückrunde bestand darin, dass auf ein „Experiment“ (ohne dass es ausgefallen, ungewöhnlich oder mutig gewesen wäre) im 4-3-3, 4-2-3-1 oder seltener im Fünferkettensystem meistens schon zur zweiten Halbzeit die Rück-Umstellung auf das bewährte 4-Raute-2 folgte. Das sorgte in der Regel für eine Leistungssteigerung, mal weil es vielen Spielern einfach besser passte oder das Stürmer-Problem auf die einfachste Art umging, mal weil es zum Spielverlauf und zum Gegner passte, und mal weil 96 einfach gegen viele Gegner individuell überlegen war und solche Aspekte mit zunehmender Dauer eines Spiels in der zweiten Liga wichtiger werden, sodass es den Anschein hatte, es läge am System.

Es gab also auf der einen Seite die klare Bestrebung, sich von der Raute weiterzuentwickeln. Das ist auch sinnvoll, weil der Kader nach der letzten Saison so umgebaut wurde, dass ein System ohne Flügelstürmer viel Potenzial im Kader ungenutzt ließ. Auf der anderen Seite gelang es aber eben nie, eine gehaltvolle Mischung aus Flügelstürmer-Tempo und Spielkontrolle im Ballbesitz herzustellen, was notwendig gewesen wäre, um die besten Spieler des Kaders möglichst gut in Position zu bringen. Oder noch weiter verkürzt: relativ viele Spieler im Kader passten eigentlich gut zu dem Plan von Kocak, gerade die besten hätten aber eher etwas anderes gebraucht. An 96 hätten theoretische Ökonomen, die ansonsten nicht zu sagen und an nichts Spaß haben, ihre Freude gehabt: maximin oder minimax, mache ich das meiste aus dem wenigen, das ich habe, oder sorge ich dafür, möglichst wenig zu verschwenden?

Auf der Mikro-Ebene wiederum kann man Kocak durchaus zugutehalten, immer wieder passable bis gute Lösungen gefunden zu haben. Mal waren die Anpassungen des Pressings an den Gegner wirklich gut (mindestens im Spiel gegen den HSV aber auch auf merkwürdige Art misslungen), mal waren Umstellungen im Spiel passend und relativ schnell (andererseits aber auch selbstverschuldet nötig geworden). In einzelnen Spielen wurde außerdem der Ausweg aus dem strategischen Dilemma durch den Versuch unternommen, die Kernaspekte bis zum Anschlag zu fokussieren, wie etwa gegen Paderborn mit der extremen Ausrichtung auf Tempoläufe in die Schnittstellen, Steil-Klatsch-Angriffe, hohe Offensivpräsenz und viel Druck im Gegenpressing. Solche Interventionen funktionierten für einzelne Spielphasen oder einzelne Spiele, aber eben nie über mittlere Fristen. Vielleicht sinnbildlich kann stehen, dass Jaka Bijol als spielerisch starker Rauten-6er verpflichtet wurde (eine ohnehin zweifelhafte Einschätzung, aber das würde zu weit führen), aber relativ schnell zum (schlecht) grätschenden Physis-Sechser vor der Abwehr umgeschult wurde.

Weil es nie gelang, aus dem Kader dauerhaft mehr zu machen als die Summe seiner Teile war 96 nachvollziehbarerweise immer dann am besten, wenn Genki Haraguchi (und Marvin Ducksch und Niklas Hult) möglichst viel auf eigene Rechnung unternahmen. Je mehr der Japaner auswich und je mehr Positionen er selber besetzte, desto flexibler machte er das Gebilde in spontanen Situationen, desto mehr wichen etwa die Achter im 4-Raute-2 und 4-3-3 nach außen oder in die Spitze aus und desto besser kam 96 mit dem Ball klar, ohne wirklich klare Abläufe im Übergangsspiel zu haben. Dass alles ganz anders gekommen wäre, hätte Kocak seinen Wunschstürmer Dursun bekommen (der die seltene Mischung aus Zielspieler und Kombinations- und Abschlussstürmer ist) und wäre die Qualität der Flügelspieler nicht so überschätzt worden, ist ziemlich wahrscheinlich. Aber anders als in der letzten Saison hat Kocak eben auch keine funktionierende taktische Übergangslösung gefunden, um die (wohlgemerkt auch zum Teil selbsterzeugten) Schwachstellen und Unpässlichkeiten im Kader auszugleichen. Und unter diesen Voraussetzungen reicht der von 96 gezeigte Spielansatz dann auch nicht für mehr als Zweitliga-Mittelmaß – was auch nicht so weit weg von der Gesamtstärke des Kaders ist.

[Einen Ausblick auf die Stärke des aktuellen Kaders und eine Einschätzung der bisherigen Testspieleindrücke gibt es an dieser Stelle nicht, obwohl das der eigentlich besser zur Zeit passende Text gewesen wäre. Aber immerhin so viel: Manches sieht nicht so schlecht aus, wie es zwischendurch zu befürchten war, das gilt vor allem für den Kader. Die Testspiele und die taktischen Eindrücke könnten zwar auch schlechter sein, aber gerade was die oben monierten taktischen Feinheiten angeht muss man momentan leider sagen… das sieht schon alles sehr deutsch aus was 96 da vor hat, im Guten wie im Schlechten. Aber zumindest wirkt 96 kurz vor dem Saisonstart nicht unbedingt wie ein Abstiegskandidat und das war vor ein, zwei Monaten keine so weit hergeholte Befürchtung, wie man es in Hannover gerne hätte.]

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