Zwischenruf zur Kaderdiskussion

Nimmt man die öffentliche Aufregung zum Maßstab, scheint die aktuelle Transferperiode und Saisonvorbereitung selbst für Hannover 96-Maßstäbe eine besonders laute, anstrengende und polarisierende zu sein: Ein großer Umbruch mit radikalen Entscheidungen über die Nicht-Zukunft prominenter Spieler zeichnet sich ab, Aufstiegsziele werden im Tagesrhythmus ausgegeben und einkassiert, das erste öffentliche Statement einer neuen SpielerInnen-Gewerkschaft geht auf Kosten des Klubchefs. Doch unter all dem Lärm, dem berechtigten und ritualisierten, droht das eigentliche Signal unterzugehen.

„[…] nach einer sachlichen Analyse zu der Entscheidung gelangt […]“

Dieses Argument, das hier ein kurzer Zwischenruf sein soll und natürlich auch nur Teil der Debatte sein kann, geht von einer Aufteilung in drei verschiedene Ebenen aus. Die Transferentscheidungen, -ankündigungen und -vermutungen – oder einfach alles, was momentan mit der Gestaltung des Kaders einhergeht – werden momentan auf der inhaltlichen Ebene, also im Hinblick auf die sportliche Bewertung der einzelnen Fragestellungen diskutiert. Kritik und Verteidigung von Entscheidungen über das „Aussortieren“ von langjährigen Spielern oder bisherigen Leistungsträgern vollzieht sich auf dieser ersten Ebene entlang von Bewertungen darüber, ob Weydandt mutmaßlich zu viel Gehalt geboten wurde, ob Schindler das taktische Konzept erweitert statt es einzuschränken oder ob 96 mit einem anderen Torwart eine bessere Saison gespielt hätte.

Ebenso wie die auf dieser Diskussionsebene verhandelten Kriterien mehr oder weniger schwammig sind (der finanzielle Spielraum, das Raunen über „Führungsspieler“ und Mentalität, die mutmaßlichen taktischen Konzepte, etc.) können die Bewertungen über jeden Einzelfall ganz unterschiedlich ausfallen. Es gibt eigentlich keine wirklich illegitimen Positionen auf dieser inhaltlichen Ebene, sondern nur mehr oder weniger gute (mehr oder weniger gut belegbare) Thesen und Argumente. Es ist also in Ordnung, sich von Felipe, Jung, Bakalorz und Prib beispielsweise unter Verweis auf eine Verjüngung der Mannschaft trennen zu wollen, selbst wenn man gleichzeitig einen 31-jährigen Torwart gegen einen 32-jährigen austauscht. Genauso in Ordnung wäre dann auch die Kritik an diesem Vorgehen, wenn sie sich auf den Punkt konzentriert, dass dieses Vorgehen nicht wirklich konsistent wäre.

Das ließe sich beliebig fortführen und für alle Fälle durchdeklinieren. Die Uneinigkeit und Kritik auf dieser Ebene entsteht oft einfach durch unterschiedliche Bewertungen der Qualität von Spielern – das alles wird sich nicht in Richtung der einen „Wahrheit“ auflösen lassen. Solange der geneigte Fan sich nicht daran stört, von den Verantwortlichen für dumm verkauft zu werden, bietet sich diese erste Ebene des sportlichen Inhalts momentan noch nicht für Untergangsprognosen oder Fundamentalkritik an (siehe Zieler wird der Verlust von mehr als 10 Punkten zugeschrieben – selbst wenn man nicht vom schlimmsten Fall ausgeht, also die tatsächliche Analyse der sportlichen Leitung weniger hart und konzeptionell weniger strunzdumm ausfiel, aber die knallige Zeitungsmeldung den Inhalt des Hintergrundgesprächs ungefähr richtig widergibt, wäre das so haarsträubend, dass man das fast schon als eine der schwer zu findenden illegitimen Positionen auf dem inhaltlichen Spektrum einordnen müsste). Dass ein inhaltlicher Dissens das öffentliche Stimmungsbild prägt, sagt erstmal noch nicht viel mehr aus, als eben genau das. Und wer recht hat, wissen wir jetzt noch nicht.

„Wir hätten ihn gar nicht verpflichten dürfen damals“

Wahrscheinlich noch mehr als das Sportliche zeigt sich die zweite Ebene als maßgebliche Ursache für die aktuellen Kontroversen: Was man vielleicht als das Ästhetische bezeichnen könnte, hat im Negativen vor allem durch die Kommentierung der inhaltlichen Entscheidung gegen Zieler für Empörung gesorgt und im „Positiven“ immerhin Anlass zum harmlos-ungläubigen Kopfschütteln gegeben, weil man freudig lesen sollte, dass sich Kind, Zuber und Kocak ganz hervorragend verstehen und sogar mehrmals wöchentlich miteinander sprechen.

Die öffentlichen Äußerungen der Vereinsoffiziellen, also das Reden über den Inhalt und das Verkaufen der auf der ersten Ebene getroffenen Entscheidungen, sind bei 96 traditionell ein hoffnungsloser Fall. Zu Martin Kinds Einlassungen über die Zieler-Entscheidung hat, wie erwähnt, die Profi-Gewerkschaft inhaltlich genug gesagt, und auch ansonsten halten wir uns hier eigentlich seit jeher und hoffentlich auch einigermaßen konsequent von dem Geschrei ums Gerede fern.

Auch Kenan Kocaks Begründungen, die zu den inhaltlichen Entscheidungen gegen Zieler oder Prib erbeten wurden (und die wie bei fast allen Trainern natürlich keine argumentativen Begründungen waren) erweckten wegen ihrer Formulierungen Kritik, die man berechtigt oder nicht finden kann. Und Gerhard Zubers vor dem Hintergrund des angekündigten Radikalumbruchs und den Verpflichtungen zweier Spieler aus der dritten Liga, einem neuen Torwart und einem 33-jährigen Mittelfeldspieler etwas abenteuerlich anmutende Einschätzung, man habe „ja schon viel gemacht“, kann man auch problemlos als unreflektierte Plattitüde wegnicken – was sollen die beiden auch anderes sagen in einem Geschäft, das nun nicht gerade auf argumentativer Präzision fußt (und die auch keine Kultur des offensiven Einforderns von inhaltlichen Begründungen kennt).

Es ist an dieser Stelle also egal, ob man die Kritik, die sich auf dieser zweiten Ebene vollzieht, berechtigt oder unberechtigt und die Äußerungen an sich wichtig oder unwichtig findet. Der wichtige Punkt ist: Wenn hauptsächlich über die groben Zoten der sportlichen Leitung und dann auch noch einiges über die kontroversen sportlichen Inhalte gesprochen wird, droht unberücksichtigt zu bleiben, dass sich das eigentliche Problem hinter diesen beiden Aspekten verbirgt.

Zieler-Komplex als Symptom

Was gerade in Anbetracht der Zieler-Debatte kaum diskutiert zu werden scheint, weil alle damit beschäftigt sind, das inhaltliche Für und Wider zu besprechen oder sich an den öffentlichen Äußerungen über den Torwarttausch abarbeiten, ist die Frage, wie diese Entscheidung im größeren Zusammenhang verstanden werden kann. Diese Frage ist nicht, wie die konkrete sportliche Entscheidung zu bewerten ist, sondern wie die Entscheidung überhaupt zustande kommt. Die dritte Ebene, das Strategische, verdient deswegen viel mehr Aufmerksamkeit, weil sich dort anders als in den anderen beiden Kategorien keine Stagnation (wie beim Ästhetischen) oder erst recht keine Fortschritte erkennen lassen, wie sie mancher (bei wohlwollender Betrachtung) auf der inhaltlichen Ebene zu erkennen glaubt.

Es gibt bisweilen die Haltung, Kocak greift durch verbunden mit einem endlich, Zuber und er würden alte Zöpfe abschneiden, statt nur zu reden. Natürlich kann man das so sehen, wenn man die einzelnen Entscheidungen (gegen Prib, gegen Bakalorz, gegen Zieler, usw.) inhaltlich teilt. Was dabei aber vollkommen aus dem Blick gerät und was bisher auch von denen wenig prominent besprochen wird, die die Entscheidungen falsch finden, ist dass das Problem von Hannover 96 und der maßgebliche Grund für den sportlichen Abstieg der letzten Jahre nicht im Nicht-Handeln liegt, sondern im Falsch-Handeln. Und an den Strukturen, die zu diesem konstanten falschen Handeln beitrugen (was nicht das gleiche sein muss wie falsche Entscheidungen), hat sich nicht nur nichts geändert. Sie sind stattdessen sogar noch schlechter geworden, was von der Zieler-Entscheidung nur sichtbar gemacht wird.

Wo sich 96 im Mai 2019 noch auf eine „Philosophie“ im Verein einschwor und danach mit Mirko Slomka als neuem Trainer und Jan Schlaudraff als Sportvorstand mit dem Auftrag nicht nur gute Entscheidungen zu treffen, sondern vor allem die Entscheidungsstrukturen zu modernisieren zum Neuaufbau ansetzte, ist Hannover eineinhalb Jahre später wieder an dem Punkt angekommen, dass ein neuer Trainer und ein neuer Sportdirektor mit ihren eigenen Vorlieben und Vorstellungen ganz andere Maßstäbe setzen. Kinds Aussage, wonach Zieler nie hätte verpflichtet werden dürfen, ist ja auch deswegen interessant, weil das „wir“ als leerer Signifikant niemanden wirklich erhellt, aber offen ist für alle möglichen konkreten Bedeutungen. Das aktuelle „Wir“, das Kenan Kocak in der branchenüblichen Plattitüden-Ritualkommunikation zur „96-Familie“ erweitert, besteht derweil maßgeblich aus zwei Personen, die mit dem Wir von vor ein paar Monaten nichts mehr zu tun haben. Dementsprechend groß muss auch der Umbruch im Kader ausfallen. Es entsteht der Eindruck, endlich werde nicht nur geredet oder endlich sei Kompetenz und Harmonie am Werk, dabei ist auf der strategischen Ebene kein Unterschied zu der Transferperiode unter Federführung Dufner-Frontzeck festzustellen.

Tatsächlich scheint es ja sogar noch schlimmer zu sein: Es sind bei 96 momentan nämlich eher weniger als mehr Personen an der inhaltlichen Entscheidungsfindung beteiligt. Wo Schmadtke seinen Jakobs oder Bader seinen Möckel hatte, ist nach der Kündigung von Schlaudraffs Assistenten Klitzpera wirklich nur noch Zuber da. Zuber selbst war diese „Nummer zwei“ von Horst Heldt und soll nach seinem direkten Wechsel von der Klägerbank im Verfahren gegen 96 auf den Posten des Sportdirektors „die Neuausrichtung des Sportlichen Bereichs von Hannover 96 konsequent weiter fortsetzen“. Er tut dies aber immer noch ohne, zumindest öffentlich bekannte, Unterstützung entweder „von unten“ durch ein irgendwie ausgebautes internes Scouting-Netzwerk oder „von oben“ durch einen neuen (z. B.) „Geschäftsführer Sport“, der die Gesamtverantwortung tragen würde.

Zu der ganzen Zieler-Posse konnte es auch deswegen kommen, weil es bei 96 niemanden gibt, der sagen könnte: Das können wir nicht machen, wir haben ihn vor einem Jahr nicht aus Versehen für vier Jahre verpflichtet (damals hat es diesen Jemand ja auch schon nicht gegeben). Genauso wenig gibt es bei 96 jemanden, der sagen könnte: Wir haben hier keine ganz normale Saisonvorbereitung und Transferphase und die ohnehin nur sehr begrenzten finanziellen Mittel des Vereins sind zuletzt noch weiter geschrumpft, in so einer Situation können wir keinen radikalen Umbruch durchziehen, vor allem wenn das Ziel der Aufstieg ist, also müssten Grenzfälle wie Prib, Korb, Elez oder Zieler eher bleiben. Niemand kann mit richtiger Autorität infrage stellen, ob auch in einem Jahr in der Bundesliga noch mit Franck Evina oder Mike Frantz zu rechnen wäre. Und nicht zuletzt gibt es auch niemanden, der sich die kolportierte Rechnung von Kocak und Zuber mal ansehen würde und sagen könnte: Naja, ich glaube nicht, dass man einem einzelnen Spieler überhaupt Punktverluste zurechnen kann, und selbst wenn ist es doch etwas weit hergeholt, dass der Wechsel von Zieler zu Esser ein wichtiger Faktor sein soll, um sich von Platz 6 auf Platz 2 zu verbessern. Die Wünsche des Trainers sind natürlich immer legitim und sie nicht zu berücksichtigen wäre großer Unsinn. Aber es gibt ganz offensichtlich niemanden, der ihm sagt: Ich verstehe, dass du klare Vorstellungen über Spieler hast, und einiges können wir auch machen, aber der Erfolg der Rückrunde beruhte ja letztlich gerade auf deiner taktischen Kompetenz und Flexibilität, das werden wir nächste Saison guten Gewissens nochmal ein wenig beanspruchen müssen.

Es gibt niemanden, der auf das Risiko hinweist, mit einer erwiesenermaßen nicht gerade übermäßig gut aufgestellten und/oder ausgestatteten Scouting- oder Analyse-Abteilung bis zu zwölf neue Spieler in einer Transferperiode verpflichten zu wollen, geschweige denn in einer ungewöhnlichen (aber das dämmert anscheinend bei 96 auch schon dem einen oder anderen), wenn für das große Ziel mindestens zwei Drittel richtig einschlagen müssen. Dementsprechend ist 96 im Moment fast mehr als je zuvor davon abhängig, dass die sportlichen Entscheidungen der beiden maßgeblichen Personen deutlich öfter richtig sind als nicht und dass sie mit ihrem Bestandswissen und -netzwerk die institutionellen Defizite kompensieren können. Man erkennt an den bisherigen Transfers ja auch, dass es (man möchte sagen: wie immer bei 96) überwiegend keine überraschenden Namen sind, sondern Spieler, die im mehr oder weniger direkten Umfeld von 96 einfach bekannt sind, oder die der Trainer persönlich wertschätzt.

Das kann natürlich trotzdem funktionieren, und vielleicht schafft 96 am Ende wirklich den großen Umbruch und sogar den Aufstieg. Außerdem kann es ja auch immer noch sein, dass der Umbruch am Ende in Wirklichkeit gar nicht so groß wird, weil etwa Korb, Stendera, Elez oder Maina doch bleiben. Nur wäre damit praktisch nichts gewonnen, weil man mittlerweile doch recht gut sagen kann, dass sich solche einzelnen Erfolge nicht beliebig wiederholen lassen. Und man weiß über 96 auf der anderen Seite mittlerweile auch recht gut, dass sich in diesem unwahrscheinlichen Erfolgsfall erst recht nichts an ihren Grundlagen ändern würde. Und dann geht das Spiel in einem oder eineinhalb Jahren spätestens von vorne los (in Wirklichkeit ja weiter, nur mit anderen Namen). Es sollte daher also nicht so sehr darum gehen, ob die Entscheidung gegen Zieler (oder Prib, oder Bakalorz, oder alle anderen) für sich genommen richtig ist. Eher sollte die Frage lauter gestellt werden, ob man solche Entscheidungen in Summe im Moment überhaupt treffen sollte.

2 Kommentare

  • Jabo Ibehre sagt:

    Zwischenruf? Licht in der Dunkelheit! <3

  • Es ist nun mal an der Zeit Spielerverträge zu lösen oder zu schließen. Welche Koziqenzen sich daraus ergeben, dass muss der fan mit Argusaugen in der nächsten Zweitligasaison beobacuten dürfen. Auf der torwartsposition war sie sportlich unnötig wie ein Gropf! In der vorabgestellten Abwehrpositionen liegt, meiner Meinung, die Schwachstelle. Das Mittelfeld wird demontiert, vom Leiter Sport Zuber, damit eine neue Schwachstelle entsteht, welche durch billigere talentierte Drittliaga- – oder durch vertragslose Bundesligaspieler aus finanziellen Gründen geschlossen werden kann. Das hört si man auf einen Resseschalter drücken wollen, aber nicht zum Schalter zum Aufbrch in die erste Liga: Einfach mal überstehen in der zweiten Liga scheint mir dass ausgegebend Saisonziel zu werden und dadurch aufsteigende Bundesligastars zu entdecken. – Wenn dass aber das Konzept sein sollte, was ich vermute, dann braucht H 96 auch neue Konzepte auf der Torhüterposition mit jüngeren Prfisportskammeraden – Wenn Risikokozept, dann abzulutes Konzept!

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