96 – TSG Hoffenheim 1:3

Hoffenheim macht das Spiel schnell und wild, aber 96 ist darauf zum Teil vorbereitet. Hannover verliert das nächste Spiel trotz guter Chancen, aber erneut nicht ganz leistungs-ungerecht gegen die zweitbeste Mannschaft der Liga mit dem nicht zweitbesten Kader.

  • Enorme Intensität, bedingungsloses Nach-vorne-Verteidigen und eine waghalsige Hoffenheimer Restverteidigung drücken der Anfangsphase ihren Stempel auf. Hannover wird teilweise überrannt, läuft aber auch mehrmals in Überzahl auf das TSG-Tor zu.
  • Hoffenheim erzeugt aus zwei wesentlichen Merkmalen ihres Offensivspiels zwei Tore: aus der guten Vorbereitung auf einen bestimmten zweiten Ball und aus der Diagonalität ihrer Flügelverteidiger. 96 wird mit seinem Viererkettensystem überfordert, ohne dass die Ursache dafür in der Abwehr läge.
  • Je mehr Hannover das Ruder übernimmt und je weniger aggressiv sich die TSG gegen den Ball verhält, umso weniger Probleme hat 96. Echte Torgefahr strahlt Hannover aber erst mit der bekannt stabil abrufbaren Schlussphasen-Brechstange aus.

Intensitätsfußball Nagelsmann’scher Prägung

Hoffenheim verzichtete auf das vielzitierte Abtasten, sorgte mit extrem aggressivem Gegenpressing aus allen Positionen heraus für hohes Tempo im Spiel und zeigte schon in der Anfangsphase die für den ganzen Spielverlauf prägenden strategischen Aspekte. Die Flügelverteidiger ihres 5-1-2-2-Systems blieben meistens in der aufgerückten Position, die sie im Pressing eingenommen hatten, und setzten nach Ballverlusten weit vorne im Feld gegen den Gegner nach, sodass man eher von einem 3-3-2-2 oder 3-1-4-2 sprechen müsste.

Grundformationen in der 1. Halbzeit

Gerade am Anfang des Spiels ergab sich in der Schnittmenge der taktischen Ansätze beider Mannschaften die explosive Mischung aus sehr aggressivem Nach-Vorne-Verteidigen von Hoffenheim sowohl im Pressing als auch nach Ballverlusten, bei einer ja von vorneherein sehr offensiven Aufstellung mit Bittencourt als „defensiverem“ Achter, und den hoch verteidigenden Flügelspielern, deren Herausrücken gegen den Ball natürlich weit nach außen (und vorne) von den Halbverteidigern abgesichert werden musste. Die Nagelsmann-Elf kompensierte also ihr eigenes Risiko mit extremer Intensität – was natürlich selbst wieder nicht ganz ohne Gefahren funktioniert, aber eben in Kauf genommen wird. Hoffenheims schnelles Angriffsspiel und ihr Dauerdruck gegen den Ball stellten 96 zwar einerseits vor große Herausforderungen in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld, eröffnete aber andererseits immer neue, gefährliche Räume in der Offensive, was 96 ständig auszunutzen versuchte.

Gegen das TSG-Pressing: Lange Bälle hinter die Abwehr

Gegen Hannovers Aufbau, der entweder mit dem abkippenden Schwegler über eine Dreierreihe oder mit tiefer stehenden Außenverteidigern in der Viererkette lief, rückte die TSG in ein hohes Mittelfeldpressing auf. Mit dem Fünfeck ihrer Formation versperrten sie zuverlässig, aber wahrscheinlich angepasst an das Spiel des Gegners etwas weniger fokussiert auf die Passwege nach innen das Zentrum und rückten aggressiv auf die Gegenspieler heraus. Baute 96 mit Schwegler in der Dreierreihe auf, positionierten sich Szalai und Joelinton so, dass das 96-Spiel auf Wimmer gelenkt wurde. Der folgende Pass auf Ostrzolek bedeutete dann das Signal zum aggressiven Anlaufen für Kaderábek. Nach ein paar tolerierten Querpässen blieb praktisch keine andere Option als der lange Ball nach vorne.

In diesem Punkt trat 96 aber mit einer etwas anderen Mechanik im Vergleich zu den bisherigen Auftritten im 3-1-4-2 in Erscheinung und demonstrierte eine klare Anpassung an das gegnerische Spiel: Bakalorz wurde als Zehner hauptsächlich für Sprints in die Tiefe eingesetzt, deren Freiräume gerissen werden sollten, indem Füllkrug als Empfänger der langen Bälle in den Raum hinter dem Hoffenheimer Mittelfeld zurückfiel und seinen Gegenspieler Vogt aus der Abwehr herauszog. Wich Füllkrug eher zur Seite aus, lockte er einen der TSG-Halbverteidiger aus der Abwehr und machte damit Platz für Maina und Bebou, die ebenfalls mit Tempo in die Tiefe gehen und die recht stark ausgedünnte Verteidigungslinie attackieren sollten. Das taten sie auch nach zentral gespielten langen Bällen, da das Herausrücken von Vogt ja durch einen der Halbverteidiger abgesichert werden musste und damit wieder einen Laufweg hinter die Abwehr öffnete.

Offensivmuster im 96-Spiel mit Kopfballablage von Füllkrug für Bakalorz, das aber nicht ganz so gut verarbeitet werden kann und deshalb nicht direkt hinter die Abwehr führt.

Das prinzipielle Nach-vorne-Verteidigen der Hoffenheimer wurde auf diese Weise zu den eigenen Gunsten genutzt, was auch deshalb am Anfang mehrfach gelang, weil Hoffenheims Sechser Grillitsch bei der Orientierung nach hinten und beim Verfolgen von Bakalorz‘ Läufen zu langsam auftrat und im Rahmen des TSG-Verteidigungsspiels ein bisschen in der Luft hing.

Gegen das 96-Pressing: Lange Bälle hinter die Sechser

Hannover vermied mit dem Überspielen des Hoffenheimer Mittelfelds, und weil anders als noch gegen Leipzig der riskante Pass auf einen nicht allzu ballsicheren Sechser in der Pressing-gefährdeten Zone gescheut wurde, Ballverluste in den ersten beiden Spielfelddritteln. Hoffenheim musste also längere Angriffszüge bei Kontern hinter sich bringen und mehr Impulse aus dem eigenen Aufbau setzen. Ihre grundsätzlich konsequent auf flache und diagonale Pässe ausgerichteten Aufbaubemühungen und ihre Suche nach konstruktiven Befreiungen beispielsweise zum Neuaufbau nach einem abgefangenen 96-Konter waren auch in diesem Spiel sichtbar, wurden aber vom 96-Pressing relativ stark eingeschränkt. Hannover rückte nämlich wieder einmal vorne in klare Zuordnungen bzw. in Manndeckungen auf, nachdem die Halbverteidiger im ersten Moment noch etwas weniger eng zugestellt wurden, und erzwang so ebenfalls lange Bälle nach vorne. Aus dem 4-2-3-1 heraus orientierten sich die Flügelspieler Maina und Bebou zu Akpoguma und Bicakcic, während Bakalorz Grillitsch zustellte und sich Füllkrug an Vogt heftete, der immer wieder andeutete, ins defensive Mittelfeld aufzurücken und so Platz für Torhüter Kobel zu machen.

Doch auch Hoffenheim war auf diese Situationen vorbereitet und nutzte dabei aus, dass 96 die Manndeckung nur halbgar umsetzte: Kobel spielte seine langen Bälle auf Szalai nach halbrechts, der von Joelinton und Bittencourt umgeben wurde. Die beiden Offensivspieler hatten anders als ihre defensiven Kollegen keinen direkten Gegenspieler, weil 96 in der Hintermannschaft anders als in der letzten Saison so häufig gesehen eben nicht ins Mann-gegen-Mann-Schema überging. Szalai konnte den Ball auf seine Teamkollegen abtropfen lassen, weil Kaderábek ihnen den nötigen Freiraum verschaffte, indem er an die letzte Linie aufrückte und Ostrzolek (und indirekt damit auch Wimmer) hinten binden konnte. In das Bild dieser gut aufeinander abgestimmten Bewegungen passte auch Joelintons Rolle, die manchmal sogar darin bestand, zum „Ablenken“ von Szalais Kopfballduell-Gegner Walace in einem Bogen aus dem Sturm in den Zwischenlinienraum zu laufen. Ehe auf diese Weise auch das 0:1 entstand, hatte die TSG schon dreimal nach diesem Muster das 96-Mittelfeld überspielt und dabei immer wieder gezeigt, dass 96 auf den linken Achter Nelson als Zwischenstation für Verlagerungen ebenso keinen Zugriff erlangen konnte, wie die Läufe von Brenet von der linken Seite aus sehr unangenehm zu verteidigen sein würden.

Die Diagonalität, mit der Hoffenheim von Szalais Ablagen ausgehend zum Tor spielen konnte, bedeutete einen großen strukturellen Vorteil für die Nagelsmann-Elf, der mit dem Schnittstellenpass vor dem 0:1 durch die Abwehrreihe nur verwertet wurde, dort aber nicht seinen Ursprung fand. Die Quelle der 96-Defensivprobleme lag recht eindeutig in der Unterlegenheit im Duell um den zweiten Ball im Mittelfeld, die sowohl von Hannovers Formation als auch von Hoffenheims cleveren Bewegungsmustern erzeugt wurde. Die Abwehrspieler selber blieben in diesen Situationen völlig frei, ihre vorübergehend „unnütze“ Präsenz hätte Hannover ein paar Meter weiter vorne gut gebrauchen können und musste deshalb den schwungvollen gegnerischen Angriffen hinterherlaufen.

Konter gegen die Restverteidigung

Doch Hannovers Herangehensweise im Pressing mit der Eins-zu-eins-Zuordnung vorne und der nicht-Anpassung hinten hatte auch einen großen Vorteil: wenn die TSG ihre Angriffe nicht bis zum Ende durchbringen oder das Duell um zweite Bälle im Mittelfeld nicht für sich entschied, konnte 96 mit ein bisschen Ballglück (wie der Ball zu wem genau springt) ohne sofortigen Hoffenheimer Gegenpressing-Druck den Umschaltpass in die Spitze spielen. Dort standen die beiden Teams immer noch in einer Gleichzahlsituation, was in dieser neuen Spielsituation ein Vorteil für Hannover war. Hoffenheim verteidigte natürlich auch in diesen Situationen aus der Abwehr heraus nach vorne und sorgte bei 96-Kontern für teilweise wahnwitzige Staffelungen in der Abwehr. Mit Tempo die gegnerische Restverteidigung zu attackieren hatte 96 schon letzte Saison oft sehr gut vorgeführt, sodass unter diesen Voraussetzungen fast schon absehbar war, dass sehr gefährliche Szenen entstehen würden (daher ist es ein bisschen verwunderlich, aus rein taktischer Sicht, warum nicht Asano statt Bakalorz von Beginn an auflief, und damit quasi in seiner Paraderolle agieren konnte).

Restverteidigung = 1. Nach einem Ballverlust von Joelinton vorne kommt Füllkrug schnell dem Umschaltpass entgegen, zieht Vogt mit heraus und öffnet den Weg für Bakalorz in die Tiefe. Auch Maina kann quasi ohne Gegenspieler vor sich Richtung Tor laufen, weil schon vorher Bicakcic das Nachrücken von Flügelverteidiger Benet weit nach außen und vorne abgesichert hatte, sodass Akpoguma herüberschieben musste. Füllkrugs Pass wird unter dem Gegenpressingdruck Hoffenheims allerdings viel zu ungenau, sodass die Chance verpufft.

Zu diesen gefährlichen Szenen (erst ordentliche Füllkrug-Chance, dann sehr gute Chance für Bebou) kam 96 allerdings über Umwege mit Maina nach außen, da der schnelle Umschaltangriff nicht direkt durchgespielt wurde. Obwohl 96 also die Freiräume in die Tiefe zwar gut provozierte und im ersten Moment auch anvisierte, verschenkte 96 mit mangelnder Genauigkeit und kleinen technischen Unsauberkeiten im Ausspielen einiges an Potenzial. Die Breitenreiter-Elf spielte nicht zielstrebig oder riskant genug auf das Hoffenheimer Tor, um noch größere Gefahr heraufzubeschwören – anders als beispielsweise vor dem Elfmeter zum 1:2.

Hoffenheimer Positionsspiel-Vorteile schlagen durch

Dass Hoffenheim während und nach der wilden und auf den ersten Blick ausgeglichenen Spielphase immer die Nase vorn hatte, lag an den grundsätzlichen Prinzipien ihres Offensivspiels und ihrer strategischen Überlegenheit. So besetzten sie sehr gut die Räume hinter Hannovers Sechsern und konnten dabei sowohl auf das sehr gut getimte Zurückfallen ihrer Stürmer vertrauen als auch ihre Achter neben Hannovers Doppelsechs in Positionsvorteile bringen. Ihre gute Raumbesetzung ermöglichte ihnen, die 96-Formation schnell zu durchspielen.

Bei ihren schnellen Angriffen entweder von hinten heraus oder nach einem abgefangenen 96-Konter deckten die Flügelverteidiger nicht nur die Breite ab, sondern sorgten mit ihrem schwungvollen Nachrücken auch für sehr unangenehmen Druck in die Tiefe über die ganze Platzbreite. Im Zusammenspiel mit den Achtern wurde das für 96 selbst bei eigentlich nur halbgefährlichen Umschaltangriffen sehr unangenehm zu verteidigen. 96 wehrte sich dagegen mit einer tiefen und kompakten Verteidigung aber recht erfolgreich. Anders als noch manchmal zu Saisonbeginn waren auch wieder neun Feldspieler hinter dem Ball eingespannt. Wenn Hoffenheim zum Neuaufbau ansetzen musste, rückte Hannover außerdem sehr aggressiv nach und konnte im Spielverlauf immer wieder Hoffenheimer Fehler erzwingen bzw. mit der Präsenz immerhin ausnutzen, ohne sie so richtig provoziert zu haben. Gerade Grillitsch passte seine Ballverarbeitung anfangs zu wenig dem Spielrhythmus an und spielte etwas ungenau, sodass 96 nach hohen Balleroberungen Gefahr ausstrahlte.

Aus statischeren bzw. ruhigeren Angriffssituationen heraus initiierten die Hoffenheimer Flügelverteidiger fast immer diagonale Aktionen, seien es Läufe (meistens von Kaderábek, im letzten Drittel vor allem durch Benet) oder Dribblings und Pässe. Natürlich galt das gleiche auch für die Achter, die zudem mit Pässen aus der Abwehr oder dem defensiven Mittelfeld über gegnerische Linien hinweg versorgt wurden. Das druckvolle Spiel über die ganze Platzbreite, viele diagonale Pässe und Läufe, sehr bewegliche Stürmer und gute Anspiele zwischen die gegnerischen Linien – Hoffenheim zeigte einfach sehr gute, schnelle Angriffszüge, selbst wenn es natürlich nicht immer gelang, sie zu Ende zu spielen.

Kleine Abweichungen bei gesunkener TSG-Intensität und ein Tor

Diese Spieldynamik wurde von Phasen etwas durchbrochen, in denen Hoffenheim den Pressingplan weniger konsequent umsetzte. So veränderte sich das Spiel schon vor dem 0:1 ein wenig und danach deutlicher, ohne dass 96 allzu viel Kapital daraus hätte schlagen können. Die etwas gesunkene Intensität im Pressing bei Hoffenheim beruhigte nämlich das Spiel insgesamt, sodass auch Konteransätze für 96 vermindert wurden und dafür die strukturellen Vorteile der TSG stärker in den Vordergrund rückten.

Es waren viele Kleinigkeiten, die nach dem 0:1 zu dem Eindruck führten, 96 würde wesentlich schwächer, obwohl gar nicht so viel anders lief, bzw. 96 gar nicht unbedingt weniger gelungene Aktionen als vorher hatte. Vor allem aber hatte Hannover keine richtige Stärke mehr, weil das Rausziehen der Abwehrspieler und das Einstarten in die Tiefe nicht mehr ganz so gut funktionierten: die langen Bälle wurden jetzt meistens direkt an die letzte Linie gespielt und führten gegen den tiefer verteidigenden Gegner nicht mehr zu Durchbrüchen, weil 96 schon zu früh aufrückte oder den langen Ball etwas zu spät spielte. Selbst wenn 96 doch in die gewünschten Situationen kam, spielte die Mannschaft die Angriffe noch weniger konsequent in die Tiefe durch, sondern verlangsamte das Spiel.

Zwei weitgehend identische Szenen (Hoffenheim muss den langen Ball spielen, den 96 direkt nach vorne klären kann, wo Hannover noch aus dem Pressing in Gleichzahl steht) als exemplarische Beispiele für den Spielverlauf – vor dem 0:1 (links) spielt 96 den Ball direkt in die Tiefe, nach dem 0:1 (rechts) verarbeitet Bebou Füllkrugs Ablage umständlich und verschleppt mit dem Pass auf den nachrückenden Sorg das Tempo, zumal auch Bakalorz nicht so präsent in die Spitze stößt wie vor dem Gegentreffer.

Außerdem kippte Grillitsch jetzt auch mal im Aufbau ab und 96 rückte im Pressing nicht mehr so konsequent nach vorne auf, was der TSG etwas mehr Zeit brachte und 96 schwächer aussehen ließ, ohne dass es einen großen praktischen Effekt gehabt hätte. Größere Auswirkungen hatte derweil, dass Bittencourt auf der halbrechten Seite das Anlaufen von Wimmer übernahm. Szalai versperrte in der passiveren Hoffenheimer Pressingvariante verstärkt den Sechserraum, sodass die TSG-Achter den Druck auf die 96-Aufbauspieler übernehmen mussten. Das Anlaufen von Bittencourt öffnete allerdings den Passweg durch den Halbraum nach vorne, wenn Ostrzolek aufgerückt war und Kaderábek hinten band – das Muster ist dabei also ganz ähnlich zum Hoffenheimer Vorgehen bei zweiten Bällen. Wenn auch Grillitsch bei Bakalorz bleiben musste, konnte Maina im linken Halbraum flach angespielt werden und aufdrehen. Passenderweise reagierte Breitenreiter darauf, indem Bebou und Maina die Seiten tauschten und Hannover seinen gefährlichsten Spieler in die gefährlichsten Situationen bringen konnte.

Breitenreiters Umstellung glückt nicht völlig

Mit Maina als rechtem Flügelverteidiger startete 96 in einem 5-2-1-2 in die zweite Halbzeit, was durch die gespiegelte Zuordnung zu den gegnerischen Mittelfeldspielern auf dem Papier die Zugriffsschwäche im zentralen Mittelfeld aufheben würde. Dort lief jetzt mit Zuber für Nelson auch ein etwas defensiverer Spielertyp auf der Achterposition auf. Da 96 mit seinem zusätzlichen Abwehrspieler aber gleichzeitig auch einen zusätzlichen Konterspieler vorne an der Hoffenheimer Abwehr beließ (oder sogar zwei, wenn Bakalorz und Bebou vorne blieben, die sich die Zehnerrolle teilten), um wieder stärker die Absicherung des Gegners attackieren zu können, stellte sich kein Stabilitätszuwachs vor der Abwehr ein. Dort hatte 96 schließlich weiterhin nur zwei Spieler.

Mit der Umstellung auf die Fünferkette wurde also quasi an der falschen Stelle um einen Spieler aufgestockt, was sich beim recht frühen 0:2 auch schnell bemerkbar machte: Bittencourt und Kaderábek kamen nach einem Seitenwechsel erst gegen Walace in Überzahl, und Kaderábeks schon das ganze Spiel über gezeigte Diagonalität konnte sich in dem völlig offenen Laufweg in Richtung Tor ungehindert entfalten; dann spielte 96 nicht einmal die Vorzüge der Fünferkette heraus, da Wimmer gegen Kaderábeks Dribbling natürlich hätte herausrücken und den unterbesetzten Raum füllen müssen.

Dass Breitenreiters Umstellung nicht als völlig gelungen angesehen werden kann, zeigte sich im weiteren Verlauf der Halbzeit auch daran, dass das Zurückfallen der TSG-Stürmer zwischen die Linien weiterhin nicht wirklich von 96 beantwortet werden konnte. Schließlich mussten sich die beiden Sechser, die ja auch vorher schon mit genau derselben Aufgabe konfrontiert waren, an den beiden Hoffenheimer Achtern orientieren und sich dem jetzt offensiver werdenden Grillitsch widmen. Ein frühzeitiges Herausrücken aus der Fünferkette, was ja eigentlich der Vorteil dieser Abwehrvariante ist, war gegen die schnellen Hoffenheimer Angriffe nicht wirklich eine Option. Allenfalls die Strafraumverteidigung verbesserte sich bei 96 durch den zusätzlichen Abwehrspieler.

Mehr Torchancen für beide

Im Spiel mit dem Ball konnte Hannover im zweiten Durchgang weiterhin wie nach dem 0:1 verfahren: Mit Hilfe des Aufbaus aus der Dreierreihe ließ sich der ballnahe Hoffenheimer Achter herausziehen und der Halbraum öffnen. Dies galt allerdings nur für Hannovers linke Seite, da rechts der eingewechselte Zuber diesen Passweg sehr gut verteidigte. Wenn die 96-Stürmer in diese Räume zurückfielen um den Pass zu empfangen, war der Erfolg dann davon abhängt wie gut Hoffenheim aus der Abwehr herausrückte und absicherte.

Aufbaumuster, das in der zweiten Halbzeit öfter zu sehen war, sich aber wie hier zu sehen bereits im ersten Durchgang ankündigte: Gegen das tieferstehende Hoffenheim kann 96 mit dem Dreieraufbau in den Halbraum spielen.

Hannovers Angriffsspiel verbesserte sich aber dank der neuen Formation insofern, als jetzt mehr diagonale Läufe in den Rücken der Hoffenheimer Halbverteidiger angesetzt wurden, wenn Bebou (oder Bakalorz und später Asano) aus der Mitte startete und Pässe hinter die gegnerische Abwehr erlief. Da die Hoffenheimer in der zweiten Halbzeit nicht mehr an die Pressing-Intensität aus der ersten Halbzeit anknüpfen konnten und tiefer standen, gab es einfach mehr Aufbau-Versuche für 96, wovon automatisch mehr geglückte Aktionen abfielen.

Da solche schnell und hoch in die Tiefe gehenden Angriffe aber sehr störungsanfällig sind, kam Hoffenheim regelmäßig in die Umschaltbewegung. Insbesondere die beiden Achter und Joelinton positionierten sich immer besser in den Schnittstellen der 96-Formation und konnten den Ball schnell vor die 96-Abwehr bringen, zudem spielte Grillitsch in solchen Gegenpressingszenen seine Stärken am Ball aus und brachte einige gute Pässe zum Mitspieler. Hoffenheim wurde mit Flachpasskontern immer wieder gefährlich, in einigen Szenen fehlte aber im Strafraum der letzte Pass oder die Übersicht im Ausspielen von sogar Überzahlsituationen. Daher hatte Hoffenheim in der zweiten Halbzeit trotz Ballbesitzdominanz von 96 auch mehr Abschlüsse als die Gastgeber.

Grundformationen in der 2. Halbzeit

Mit dem Wechsel Weydant für Schwegler rückte dann auch Asano noch in eine besser passende Rolle als Tiefensprint-Zehner (siehe Klaus in der letzten Rückrunde), während Bebou vorübergehend als Sechser neben Walace spielte und sich mit Dribblings gut aus dem Gegenpressingdruck löste. Diese natürlich insgesamt sehr offensive Ausrichtung leitete das Spiel in die Schlussoffensiven-Phase für 96 über. Die „Brechstange“ beherrscht die Breitenreiter-Elf schon sehr lange recht gut. Mit schnörkellosen Flügelangriffen, viel Offensivpräsenz für Flanken und Wucht in die Tiefe (Weydant dafür natürlich prädestiniert), die auch noch dadurch begünstigt wurde, dass vor allem Benet auf ausgerechnet Bebous rechter Seite weiterhin sehr offensiv agierte, sprangen in der letzten Viertelstunde noch zwei gute Chancen heraus – aber natürlich auch gefährliche Konter für Hoffenheim.

Fazit

Nach dem Spiel gegen Leipzig und (mit Abstrichen) Nürnberg steht für 96 jetzt der dritte Auftritt in Folge, der keine schlechte Leistung sah, aber auch die aktuellen Grenzen für Hannover aufzeigt: In all diesen Begegnungen hatte 96 aus taktischer Sicht nicht für alle Herausforderungen des Spiels die passenden Lösungen parat und ließ es zusätzlich ein wenig an Konsequenz in der Offensive vermissen. Gerade die nicht immer sinnvollen spielerischen oder defensiv-taktischen Ansätze sind ein bisschen problematisch für Hannover, da 96 nunmal auf der Ebene individueller Qualität keinen Gegner wirklich dominieren kann (siehe Nürnberg). Ohne einen überlegenen oder mit einem überlegenen Gegner gleichmachenden taktischen Plan fehlt unter diesen Voraussetzungen ein wesentlicher Bestandteil des bisherigen Erfolgs. In der Endabrechnung ist 96 mit seinen Leistungen dann nicht weit von besseren Ergebnissen weg, aber in jedem Spiel für sich betrachtet trotzdem signifikant und nicht ganz unberechtigt davon entfernt gewesen, zu punkten.

Außerdem ist Adam Szalai ein toller Stürmer und es ist hoffentlich spätestens jetzt jedem peinlich, der während seines halben Jahres bei 96 fürchterliche Dinge über ihn geschrieben und gesagt hat.

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