96 – VfB Stuttgart 1:3

Mittwochabend, Herbstanfang. Die sportliche Ausgangslage: Nur eine der beiden Mannschaften hat eine mehr oder weniger funktionierende Spielweise, die andere aber immerhin schon einen Punkt. Der Vorletzte will seinen Gegner überholen und endlich „den Bock umstoßen“. Aber der will das auch. Hoffnung ist nur aufgeschobene Enttäuschung, Freunde.

Wer verteidigt schlechter?

Das unabhängig der Formation bisher von Hannover 96 praktizierte System mit Flügelangriffen und direktem Spiel in die letzte Linie passte sehr gut zum VfB Stuttgart – bzw. zu seinem hanebüchenen Verhalten in der Endverteidigung. In der Anfangsphase gelang es 96 insbesondere nach Ballgewinnen in der eigenen Hälfte, für 96-Verhältnisse ungewohnt gefährlich und offensiv in Erscheinung zu treten. Auf die direkten langen Pässe in den Sturm reagierte der VfB wie gewohnt mit bedingungslosem Aufrücken der zentralen Abwehrspieler und Einrücken der Außenverteidiger. Wenn dabei das Timing und die Abstimmung nicht passten, was anfangs quasi dauerhaft der Fall war, wurden die entblößten Flügelräume zur perfekten Einladung für das Vollenden der 96-Angriffe. Vor allem der erneut extrem linear und offensiv auftretende Sakai konnte dies nutzen und wurde dabei von Sorg und Karaman oder Kiyotake eingesetzt, wenn Sobiech den Ball ablegen konnte. Zwar zeigte sich das 96-Pressing zunächst etwas verbessert im Vergleich zur Vorwoche, sorgte aber trotzdem nicht für planvolle Ballgewinne; Konter resultierten nur aus schlimmen Abspielfehlern des Gegners im Zentrum. Hannovers 4-3-3 war in der ersten Reihe etwas aktiver, und auch die Mittelfeldreihe agierte nach flachen Durchbrüchen der Schwaben druckvoller. Doch die Frontzeck-Elf spielte insgesamt gegen den Ball nicht kollektiv genug. Einzelne gute Störaktionen von Sorg oder zumindest intensive Aktionen durch Andreasen wurden nicht von den Mitspielern unterstützt. Die dabei entstehenden Lücken im Zentrum nutzten die Gäste mit zunehmender Spielzeit immer besser aus. Mit flachen vertikalen Zuspielen durchschnitten sie die löchrigen 96-Linien und kamen über den Zwischenlinienraum schnell in torgefährliche Bereiche. Das weite Einrücken Didavis vom rechten Flügel und die insgesamt sehr zentrumslastige Spielweise im Ballbesitz halfen dabei, Hannover oft an den Strafraum zu drängen – dort hatte 96 aber Glück, dass Didavi mit dem Ball im letzten Drittel gewohnt verschwenderisch auftrat.

Die genannten Faktoren führten dann zu der torreichen Phase um die 15. Spielminute herum. Zunächst ging 96 nach direktem Spiel in die Spitze in Führung, indem das aggressiv ballorientierte „Nach-vorne“-Verteidigen des VfB von Sobiech ausgehebelt wurde und Sakai durchbrechen konnte. Daraufhin genügten ein vertikaler Angriff über die rechte Hannoversche Seite und ein Ballgewinn im Gegenpressing im linken Halbraum, um das Spiel zu drehen. Dabei wurde das sehr frühzeitige Herausrücken Sakais aus der Kette (bzw. im Fall des zweiten Tors das frühzeitige Aufrücken bei Ballgewinn Hannover) genutzt und der von ihm verlassene Raum zum Abschließen des Angriffs bespielt. Das gruppentaktisch sehr schlechte Abwehrverhalten Hannovers hatte das Spiel gedreht. Mit der Führung im Rücken überließ Stuttgart der Heimmannschaft überwiegend den Ball.

Der Hannoversche Spielaufbau war erneut – wie sollte es unter Frontzeck anders sein – von zahlreichen langen Bällen geprägt. Das hohe Stuttgarter 4-4-2/ 4-1-3-2 provozierte mit dem sehr guten Anlaufverhalten in den ersten beiden Pressingreihen viele unkontrollierte Schläge. Insbesondere Ginczek leitete mit guten bogenförmigen Läufen auf die Innenverteidiger das Spiel auf die Seiten. Dahinter versperrte meistens Werner den Sechserraum, während der Rest des Mittelfeldes bei kurzen Anspielen auf die Flügel aggressiv presste. Dazu rückte zusätzlich oft der ballnahe VfB-Außenverteidiger auf, sodass die Hannoverschen Außenverteidiger nach dem erfolgreichen Leiten früh isoliert waren. Sanés zentrales Abkippen im Aufbau trug kaum zur Entlastung bei, lediglich phasenweise agierte Stuttgart in der vordersten Linie etwas passiver und nicht mehr so hoch und aggressiv aufrückend.

Pressing_VfB

Pressing Stuttgart und Spielaufbau/Ballbesitz Hannover. Ungefähr.

Die grundsätzlich bessere Staffelung im Aufbau und Ballbesitz, die durch die zentrumslastigere 4-3-2-1-Formation Hannovers hervorgerufen wird, wurde auch dann aber wieder nicht gut ausgespielt, da die Bewegungen der Halbspieler oft zu passiv ausfielen und erfolgreiche Lösungen zum Nutzen der schlechten Absicherung herausrückender Defensivakteure nicht konstant auftraten (heißt: es gab nur eine gute Einzelaktion von Karaman). Als im Verlauf der ersten Halbzeit das Stuttgarter Gegenpressing mehr Zugriff erhielt und Serey Dié vor der Abwehr staubsaugte, kam 96 nicht mehr richtig ins Umschalten und büßte zusehends den Schwung der Anfangsphase ein. Stuttgart erarbeitete sich trotz wenig berauschender Aufbauleistung noch ein paar Chancen, nutzte vor dem Halbzeitpfiff aber keine mehr.

96 hat den Ball, Stuttgart hat die Chancen

Überaus sinnvollerweise wurde einer der bis dahin besten 96-Felspieler (Oliver Sorg) zu Gunsten von echtem Frontzeck-Fußball vom Platz genommen. Mit Mevlüt Erdinç stellte der 96-Retter auf ein 4-4-2 mit Kiyotake rechts und Karaman links um. Stuttgart ließ sich unnötig passiv in die eigene Hälfte fallen und erlaubte es dem Heimteam, mit simplen Flügelangriffen Druck aufzubauen. Da Stuttgart zudem nicht mehr so hoch presste, gewannen die langen Bälle auf die Flügel im Spielaufbau etwas an Qualität und das diagonale Einrücken der technisch starken 96-Flügelspieler konnte teilweise zum Tragen kommen. Die beiden Stürmer ließen sich für kurze Ablagen fallen und zeigten zumindest Ansätze guten Zusammenspiels, doch insgesamt strahlte 96 nur brotlose Scheindominanz aus. Die Chancen zur Vorentscheidung hatte über die gesamte zweite Halbzeit die tiefstehende VfB-Elf mit simplen Kontern über die schnellen Werner und Kostic, aber Zieler vereitelte mehrmals stark.

Mit Allan Saint-Maximin für Leon Andreasen und Felix Klaus für Karaman wurde dann Mitte des zweiten Durchgangs jede Stabilität aufgegeben. Kiyotake schwamm als zentraloffensiver Mittelfeldspieler etwas unstrukturiert herum, während auf die Schnelligkeit der Flügelspieler Klaus (links) und Saint-Maximin (rechts) gehofft wurde. Aber zum Thema Hoffnung sei auf den Einleitungstext verwiesen. Folglich wurde Stuttgart wieder aktiver, die 96-Dominanz schwand, der eingewechselte Maxim belebte das Stuttgarter Spiel merklich und zeigte phantastische Lösungen in Kombinationen über die rechte Seite, durch die Stuttgart zu mehreren guten Gelegenheiten kam. Ein abermals schlecht verteidigter Konter kurz vor Schluss und die einzige unglückliche Aktion Zielers nach einer ansonsten überragenden Leistung (nicht nur im Tor) besiegelten dann die Niederlage.

Insgesamt ist die 96-Vorstellung aus einem einfachen Grund ernüchternd: Stuttgart war schlecht, aber 96 war nicht besser. Der Mannschaft fehlt mittlerweile vollständig das Bewusstsein für fußballerische Lösungen, sodass die Rechtsüberladungen der ersten Halbzeit oft nicht ausgespielt wurden und die Vorteile des 4-3-2-1 eher zufällig zum Tragen kommen. Die Umstellungen in der Halbzeit führten oberflächlich betrachtet zu einer Steigerung, waren in Wirklichkeit aber mal wieder ziemlicher Schwachsinn. Wäre das Grundniveau von Hannover 96 seit Frontzecks Amtsübernahme nicht so sehr ins Bodenlose gesunken, käme einem die heutige Leistung noch schlechter vor. Nämlich so schlecht, wie sie tatsächlich war.

8 Kommentare

  • Dr.Bizeps sagt:

    Konfuzius sagt : Schwarzmaler gehen achtlos an den Farbtöpfen des Lebens vorbei.

    • Kaliban sagt:

      🙂

      Wir sprechen uns wieder, wenn wir am Saisonende auf dem letzten Platz stehen und Manager Kreuzer gemeinsam mit Trainer Neururer vor die Presse tritt und sagt, man habe eigentlich alles richtig gemacht, aber nun sei es halt doch passiert, man glaube aber an den direkten Wiederaufstieg.

  • Dr.Bizeps sagt:

    Ah, ihr macht Fortschritte – Peter Neururer ist anerkannterweise der bunte, aber häufig auch BILDzerstörerische Klecks der Schwarzmalerei

  • JaboIbehre sagt:

    Dankeschön mal wieder dafür, dass Du im Spiel den klaren Blick behälst und Deine Beobachtungen mit uns teilst. Ich finde es immer schlüssig und nachvollziehbar, was Du schreibst, könnte es während des Spiels aber niemals selbst analysieren. Mir fehlt da einfach die Contenance. Und nicht nur die. 😉

    Fast zwangsläufig, dass Du in der Einleitung Hoffnung erwähnst, Jaime – etwas anderes bleibt einem ja derzeit nicht, wenn man den Roten anhängt.

    Nachdem die Mannschaft nicht einfach so von heute auf morgen ihre Schwächen ablegen wird und deren Aufarbeitung Stückwerk bleibt, kann man tatsächlich fast nur noch hoffen, dass baldmöglichst ein neuer Trainer übernimmt und vielleicht eine Wende einleitet.

    (Wobei ich sagen muss, dass es mir zuwider ist, Frontzeck den Verlust seines Arbeitsplatzes zu wünschen. Krieg‘ ich nicht in mein System, dem Desaster zum Trotz.)

    Und dann ist da ja auch noch die bange Frage, wer’s richten soll, wenn Frontzeck gehen muss… Da gilt es dann wieder aufs Neue zu hoffen.

    Aber Martin Bader, der ja gerade offiziell ins Amt gehoben wurde, hat immerhin seinerzeit Verbeek nach Nürnberg gelotst, wenn ich mich recht entsinne. Vielleicht steckte da ja ein Plan dahinter. Hoffnung und so…

    • Jaime sagt:

      Ich verliere nie die Contenance! Naja, außer wenn Sakai mal wieder irgendwas blödes macht, Frontzeck was von „übers Wasser gehen“ redet oder Sané auf Zieler zurennt und ihm den Ball wegnimmt… Aber das passiert ja so gut wie nie! 😉
      (Ich sehe das übrigens ganz genauso, natürlich erscheint das immer mehr als die einzig praktikable Lösung und es hätte niemals so weit kommen dürfen, aber trotzdem kann ich nicht die Arbeitslosigkeit eines anderen Menschen fordern, der abgesehen von offensichtlicher Inkompetenz nichts verbrochen hat.)
      Zu Bader muss man allerdings auch sagen, dass er Verbeek sehr schäbig entlassen hat. Nicht nur der Zeitpunkt ging in der Angelegenheit gar nicht. Also… Meine Hoffnungen sind gedämpft, zumal er ja vorher noch einen Sportdirektor suchen soll. Und da er offiziell erst am 01.10. anfängt, wenn ich das richtig gelesen habe, wird das alles wohl wieder ein furchtbares und furchtbar teures Gewurschtel. Man findet schließlich weder einen SpoDi, noch einen Trainer von heute auf morgen…
      Alles nur aufgeschobene Enttäuschungen 😉

      • JaboIbehre sagt:

        Wie wahr, die Entlassung Verbeeks war ebenso stil- wie sinnlos. Hat immerhin Roger Prinzen noch mal auf die Bundesligabühne gehievt. Mit dem verbinde ich seelige Erinnerungen an die Zeit, als 96 noch Wattenscheider Bundesligaspieler recyclete und in der Stadionsporthalle im Winter Hallenturniere bestritt… 🙂

        Der Gedanke war nur, dass Bader womöglich Verbeeks Spielidee vor seiner Verpflichtung für gut befunden und ihn deshalb geholt hatte. Ließe sich dann ja ggf. wiederholen, so ein ungewöhnlicher Entscheidungsprozess. Ich glaub‘ aber auch nicht dran! 😉

      • Jaime sagt:

        Mal bitte sachlich bleiben! Wir sind hier in Hannover.
        Trainer an Hand ihrer Vorstellungen von Fußball aussuchen…
        😉

  • Jan sagt:

    Habe gerade erst jetzt diesen Kommentar von Tobias Escher (TE) auf SV entdeckt.
    http://spielverlagerung.de/2015/09/24/tes-bundesliga-check-nordish-by-nature
    „Alles andere als ruhig geht es in Hannover zu. Die Kollegen von Niemalsallein, die als 96-Fans alle Hannover-Spiele analysieren, verzweifeln Woche um Woche. Auch ich war etwas erstaunt, als ich mir am Mittwochabend das Spiel Hannover gegen Stuttgart ansah. Die Partie als chaotisch zu beschreiben, wäre leicht untertrieben.

    Hannover gegen Stuttgart
    Ich will mich an dieser Stelle auf die Hannoveraner konzentrieren (zu Stuttgart gibt es hier, hier und bei den Kollegen von VfBtaktisch Analysen). In der gesamten ersten Halbzeit war mir nie recht klar, welche Formation Hannover eigentlich spielt. Formativ sah es aus wie ein 4-3-2-1. Die genaue Ausprägung dieser Formation war aber durch zahlreiche Positionswechsel und Bewegungen der Mittelfeldspieler nicht zu entziffern.

    Mal schossen Andreasen und Sorg aus ihrer nominellen Achterrolle derart weit nach vorne, dass sie praktisch Stürmer waren. Sane fiel als Sechser permanent zwischen die Innenverteidiger. Kiyotake hielt sich fast durchgängig im Zehnerraum auf, obwohl er gegen den Ball eigentlich eher im Halbraum agierte. Und Karaman spielte eigentlich im Halbraum, wich aber ständig auf die Flügel aus. Die tatsächliche Formation variierte daher permanent zwischen 4-3-3, 3-2-4-1, einer asymmetrischen Raute und dem erwähnten 4-3-2-1.

    Auch nach zweimaligem Schauen kann ich mir nicht so recht einen Reim machen auf diese unorthodoxe Rollenverteilung. Situativ schien dies extrem gut zu funktionieren und Stuttgarts Mannorientierungen zu sprengen. Oft führte es aber auch zur totalen Desorientierung und zur Nichtbesetzung wesentlicher Räume, gerade im Zentrum. Durch das gleichzeitige Zurückfallen von Sane und dem Vorstoßen von Sorg und Andreasen klaffte zwischenzeitlich eine riesige Lücke im Zentrum. Stuttgart konnte diese Lücke im Umschaltmoment ganz einfach bespielen. Und die offensive Rolle der Außenverteidiger öffnete gleichzeitig Lücken in der letzten Linie auf dem Flügel. Einen derart unbalancierten Formationen-Mischmasch habe ich in der Bundesliga lange nicht gesehen.

    Nach der Pause stellte Frontzeck auf ein orthodoxes 4-4-2-Konstrukt um. Defensiv stand Hannover besser (auch wenn die fehlende Tiefenstaffelung am eigenen Sechzehner weiterhin ein Problem ist). Offensiv hingegen gingen die Überraschungseffekte, die Hannover vor der Pause noch auszeichneten, gänzlich verloren. Langatmiges Flügelspiel war die Folge.

    Für Frontzeck spricht, dass er in dieser Saison einiges probiert. Nur irgendwann sollte irgendwas von dem, was er probiert, auch funktionieren.“

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