Zweitligahipster

Auch abseits der prall gefüllten Fernsehgeldtröge der ersten Liga kann man Fußballer entdecken, die nicht immer die einfache Lösung wählen, die nicht nur dem Ball hinterherrennen, die nicht nur deshalb Profifußballer sind, weil sie den Konkurrenten aus ihrer Altersgruppe körperlich überlegen sind (wobei das Körperliche ja zum Fußball gehört und keinen unwichtigen Aspekt darstellt; aber langweilig ist es trotzdem). Wir haben ein paar von ihnen in der zweiten Liga gefunden.

Frustrierende Mannschaften, spannende Spieler

Die Spielweise ganzer Mannschaften zu analysieren ist oft nicht einfach. Viele Sachen passieren unbewusst und unabgesprochen, einige Sachen wohl auch zufällig, manche Sachen sollten passieren, passieren aber dann doch nicht oder nur teilweise. Das hat (fast) alles irgendeine taktische Bedeutung und wird im Idealfall von Trainern (und Spielern) auch berücksichtigt, ohne es explizit zu formulieren. Aber Mannschaften zu beschreiben und zu verstehen ist deswegen eben auch anstrengend und manchmal unsicher.

>> Zu unserer umfassenden Rückschau auf die Hinrunde der 2. Liga und den Einzelbetrachtungen der 18 Mannschaften

Einzelspieler zu bewerten ist demgegenüber ein bisschen unkomplizierter. Zwar muss man den Spiel- und Gruppenkontext auch dafür unbedingt berücksichtigen, aber die relevanten Faktoren ufern trotzdem etwas weniger aus als bei der Analyse zweier Mannschaften. Und da das Spiel schließlich von den Spielern gespielt wird, sind sie vielleicht auch interessanter als die meisten Teams. Noch interessanter wird es, wenn man nach etwas unterschätzten, schlecht eingesetzten oder unscheinbar-hervorragenden Fußballern sucht.

Die Zweitliga-Hipster-Elf

Wikipedia sagt: „Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, zumeist etwas spöttisch gebrauchter Name für ein Milieu, deren Angehörige ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – extravagant Ausdruck verleihen. Meist handelt es sich um Jugendliche bis junge Erwachsene der urbanen Mittelschicht.“

Auf den Fußball übertragen: Ein Hipster-Spieler ist also ein Spieler, den ein junger erwachsener Fußball-Hipster aus der urbanen Mittelschicht gut findet, weil oder während er jenen Spieler in der Mainstream-Berichterstattung nicht (angemessen) gewürdigt sieht. Sprich: Wer wahnsinnig schnell rennen kann oder besonders robust im Zweikampf, aber am Ball und im Freilaufen langweilig bis auffällig schwach ist, ist ein auffälliger, aber langweiliger Spieler (einer wie Cristiano Ronaldo). Haben wir gerade beschlossen. 22 Vertreter der anderen Sorte haben wir in der Zweitligahinrunde ausfindig gemacht und stellen sie kurz vor.

Hipster-ElfTor

Manuel Riemann vom VfL Bochum ist ein relativ klassiches Beispiel für einen Torwart, der Leuten wie uns gefällt: Er ist im Kernbereich seiner Position als eher durchschnittlich anzusehen. Sein Torwartspiel ist nicht nur nicht überragend, sondern wahrscheinlich sogar etwas instabil. Aber dafür sticht er technisch, mit dem Ball am Fuß, deutlich heraus und ist deshalb ein Sonderling. Riemann wird viel in den Bochumer Aufbau eingebunden, spielt viele flache Pässe, gerne auch direkt, und ist unter Druck insofern ein untypischer Torwart, als er den Ball nicht auf die Tribüne kloppt. Was ihm gegenüber dem großen Talent Manuel Schwäbe von Dynamo Dresden einen leichten Vorsprung beschert, ist seine Neigung zum Risiko: Riemann dribbelt anstürmende Gegner aus und läuft sich wenn nötig auch weit von seinem Tor entfernt frei, um eine Rückpass-Anspielstation darzustellen und den hoch pressenden Gegner ins Leere laufen zu lassen. Schwäbe ist in Sachen Torwarttechnik vielleicht ein bisschen stabiler und in der Strafraumbeherrschung leicht im Vorteil, zeigt bei seiner ebenfalls sehr aussweifenden Einbindung ins Passspiel seiner Mannschaft aber seltener verrückte Lösungen. Manchmal aber schon, womit er großes Potenzial für mehr andeutet. Wäre man ein Erstligist, der in einem oder zwei Jahren einen neuen Torwart braucht, sollte man über Schwäbe länger nachdenken, als über den 28-jährigen Stammtorwart des dänischen Vizemeisters.

Abwehr

Wikipedia sagt auch: „Man versteht sich zwar als Subkultur, aber ist inzwischen eher dem Mainstream zuzuordnen.“ Aber was weiß Wikipedia schon von Fußball. Niemand „im Mainstream“ mag Miiko Albornoz. Generell mögen kaum Leute in Hannover den finnisch-schwedischen Chilenen. Notfalls wegen seiner Frisur, oder eben weil er nicht ständig Flanken schlägt. Muss er aber auch gar nicht, weil er auf der evolutionären Stufe schon wesentlich weiter fortgeschritten ist. Will sagen: Albornoz spielt one-touch-Lupfer und direkte Weiterleitungen mit der Brust. Dass so ein Spieler in der zweiten Liga meistens auf der Bank sitzt, ist prinzipiell ein schlechter Witz (wenn auch kein unbegründeter).

Unter den vielen Außenverteidigern dieser Welt, deren Festplatte den Befehl <hinterlaufen | flanken> nur durch den Einsatz ätzender Substanzen vergessen zu können scheint, kommt Naser Aliji vom 1. FC Kaiserslautern diesem anderen fußballerischen Stil und Niveau in der zweiten Liga am nächsten. Wie Albornoz entstammt der junge Kosovare nicht nur einem Migrantenmilieu in einem Einwanderungsland, sondern hat seine Schwächen ebenfalls im klassischen Verteidigen: Aliji ist in der Nähe des Strafraums einigermaßen labil. Er lässt lange Bälle regelmäßig einmal zu oft aufspringen oder orientiert sich zuverlässig entweder zu früh oder zu spät zu einem Gegenspieler. Wenn er unter defensiven Druck gesetzt wird, ist er entweder zu hibbelig oder zu unaufmerksam. Das steht im krassen Widerspruch zu seiner offensiven, spielerischen Klasse: Aliji ist ein sehr guter Dribbler im engen Raum, ein energischer Flügelspieler mit einem strammen Abschluss, ein im Bewegungsspiel talentierter Mittelfeldspieler (deswegen auch seine Aufstellung als Halbspieler in der FCK-Raute). Wenn er sein Temperament in den Griff bekommt, das ihm oft unnötig im Weg steht, könnte vielleicht in ein oder zwei Jahren was im unteren Bereich der ersten Liga gehen. Aber in der Regel ist da <hinterlaufen | flanken> gefragt.

In der Innenverteidigung gibt es zwei Pärchen, die jeweils zusammenpassen und insgesamt einander ergänzen: Felix Bastians vom VfL Bochum ist der Anführer des aufbaustarken Innenverteidiger-Duos. Er spielt technisch saubere Pässe, ist unter Druck in Ordnung und fällt vor allem durch manchmal sehr verrückte Dribblings auf. Der ehemalige Schalker Kaan Ayhan wird bei Fortuna Düsseldorf meistens gar nicht in der Innenverteidigung eingesetzt, aber ist da ziemlich gut: Sehr gutes, attackierendes Passspiel, unter Druck nicht immer auf der Höhe, aber trotzdem konstruktiv. Im Verteidigen ist er wahrscheinlich ein Stück moderner als Bastians, der eher von der klassichen Robustheit und gutem Timing lebt. Ayhan hingegen verteidigt sehr antizipativ und gewagt, aber alles andere wäre auch sehr langweilig.

Neben solchen mitunter unberechenbaren Spielern kommt ein bisschen clevere Ausputzer-Mentalität gar nicht so schlecht. Dass die beiden Kandidaten für diese Rolle zu den jüngsten Stammspieler der Liga gehören, verleiht ihrem Ausnahmestatus noch zusätzliche Wucht: Wer sich mit 20 Jahren als Verteidiger über cleveres Abwehrverhalten, schlaues Passspiel und eine aufmerksame Spielweise definiert, ist dem Großteil der Positionsgenossen uneinholbar voraus. Timo Baumgartl ist in Sachen „Ausgebufftheit“ vielleicht als ein wenig inkonstanter anzusehen, sein Spiel ist noch ein weniger mehr von sogenannten „Fehlern“ geprägt. Aber dafür tritt er im regulären Spielaufbau etwas mutiger, im Passspiel etwas sauberer und im Nach-vorne-Verteidigen ein wenig risikobewusster und sicherer auf. Man kann es auch einfacher zusammenfassen: Unter Luhukay spielte Baumgartl beim VfB Stuttgart wenig, unter Hannes Wolf praktisch immer. Dass er in der zweiten Liga nichts zu suchen hat, wusste man aber schon nach seinen ersten Bundesligaauftritten in der letzten Saison.

Waldemar Anton konnte bei Hannover 96 das außergewöhnliche Niveau seines Saisonstarts zwar nicht bis zum Ende der Hinrunde halten, hat aber wegen etwas größerer Konstanz (und einer Proporz-Regelung für möglichst geringe und gleichstarke Präsenz der Abstiegsvereine in der Hipster-Elf) trotzdem knapp die Nase vorn. Während alle Welt in Hannover über den kommenden Superstar Noah-Joel Sarenren-Bazee schwärmte, wurde Anton überwiegend wegen seines Geburtsortes und eben seiner Jugend gelobt. Dass er aber ein unheimlich gedankenschneller Verteidiger ist, der mit kurzen Kopfballklärungen im Laufduell in immer genau die richtigen Räume leicht zu übersehende Highlights setzt, und er auch wegen seiner ansonsten sehr guten Defensivqualitäten zum Stammspieler wurde, deutete schon damals an: Aus der 96-Jugend ist nicht Sarenren-Bazee, schon gar nicht Fynn Arkenberg, sondern eben Waldemar Anton der eigentliche heiße Scheiß. Um das zu unterstreichen bräuchte es den ein oder anderen verrückten flachen Umschaltpass aus dem Gewühl nach vorne gar nicht. Aber Anton ist, so … unauffällig er auch abseits des Platzes wirken möge, gedanklich immer derart auf der Höhe und darüber hinaus, dass solche Aktionen für ihn relativ normal sind. Wäre man Hannover 96, sollte man alles, was Sarenren-Bazee in seinen bisherigen vier oder fünf abgelehnten Vertragsverlängerungsentwürfen versprochen wurde, verdoppeln und Anton ungefragt oben drauf legen. Sonst kommt irgendwann ein Dortmund oder Hoffenheim und kauft ihn für drei Millionen.

Auf der Rechtsverteidigerposition gibt es relativ eindeutig zwei Spieler, die in der Zweitligahinrunde herausstachen. Calogero Rizzuto ist dabei vielleicht der hipsterigste Spieler der Hipster-Elf: Er spielt beim Vorletzten, der dann auch noch Aue ist, und er ist nicht mal Stammspieler. Er schafft es wegen seiner sehr guten ballschleppenden Aktionen nach vorne oder seiner überraschenden und weiten Dribblings nach innen, um sich gegen einen pressenden Gegner zu befreien, schon auf den ersten Blick ins Gedächtnis. Dass seine Positionierung weiter vorne, wo er auch gerne einmal nach innen einrückt und entweder am Ablagespiel teilnimmt oder sich ins Gegenpressing einschaltet, nahezu immer richtig ist, ist ein ebenso großer Bonus. Da lässt es sich leicht darüber hinwegsehen, dass sein Passspiel sehr inkonstant ausfällt: Er verfügt technisch über eine relativ große Palette an unterschiedlichen Abspieltechniken, die er auch situativ gut auswählt. Aber die Streuung seines Passspiels gerät dann nicht gerade selten auch sehr groß. Sein Passspiel ist dementsprechend technisch abwechslungsreich und ansehnlich, die Genauigkeit lässt aber manchmal zu wünschen übrig.

Deshalb schafft er es nicht am Hipster-Veteranen Stefano Celozzi vorbei. Es ist nicht überraschend, dass einige Bochumer in den hinteren Reihen auffallen, wenn man bedenkt, dass die Bewegungen im VfL-Spielaufbau am meisten von der Norm abweichen. Mit dem technisch sehr starken, klugen und strategisch begabten Celozzi hat Verbeek seinen idealen Kandidaten für die Rolle des einrückenden Rechtsverteidigers, der sich im Halbraum am wohlsten fühlt. Das Timing des nach innen Laufens und seine Kompetenz am Ball ist von keinem anderen VfL-Spieler in dieser Rolle zu gewährleisten. Dass Celozzis Tempo dem eines beschleunigenden Schwerlastfrachters ähnelt, ist neben den Verletzungsproblemen wohl auch der Grund für seine überregionale Nicht-Wahrnehmung. Für solche Spieler wurden Hipster-Fantasie-Mannschaften erfunden.

Mittelfeld

Vor der Abwehr kann es in einer solchen Mannschaft nur eine Position geben, die dafür aber auch umso schwieriger zu besetzen ist: In der zweiten Liga gibt es eigentlich nur fünf Spieler, die regelmäßig als alleiniger Sechser auflaufen. Zwei aus diesem Kreis (Hartmann bei Dresden und Nehrig bei St. Pauli) fallen von vorneherein raus, einer ist interessant und prinzipiell geeigent, aber qualitativ knapp nicht ausreichend für die Berufung (Hofmann bei Fürth), sodass nur zwei übrig bleiben. Aber es sind praktischerweise die zwei Richtigen. Hajime Hosogai dominiert beim VfB mit Übersicht, Kreativität, absurden Steilpässen und umsichtiger Aggressivität im Pressing im Prinzip das ganze Spiel, wenn er auflaufen kann. Stephan Fürstner von Union Berlin ist im Vergleich ein etwas größerer Unbekannter und wird darüber hinaus auch in Berlin nicht unbedingt vollumfänglich wertgeschätzt. Mit einem sehr guten Rhythmusgefühl und einer schlauen Orientierung verteilt er aber vor der Abwehr die Bälle recht gut und ist vor allem für die Stabilität der Mannschaft sehr wichtig. Fürstner ist die Art von Mittelfeldspieler, die das Spiel ein bisschen subtiler beeinflussen als beispielsweise Hosogai (der das aber auch kann) und manchmal erst auffallen, wenn sie nicht da sind.

Die beiden Achterrollen entfallen auf einerseits zwei unterschätzte Verbindungsspieler und andererseits zwei (wohl oft zu hart kritisierte) Kreativzehner. Mirko Boland von Eintracht Braunschweig fiel schon im Erstligajahr seiner Mannschaft als dribbelstarker und verbindender Mittelfeldspieler mit einem guten Gesamtpaket im Spiel gegen den Ball und guten Bewegungen im Umschalten auf. Dass er bei der Eintracht meistens als tieferer Sechser in einem 4-4-2 spielen musste, wenn er überhaupt mal ran durfte, passte so gar nicht zu seinen Stärken. Deswegen sind es überwiegend gute Einzelszenen bei seinen wenigen Einsätzen und die Erinnerungen aus der ersten Liga, die ihn qualifizieren. Manuel Junglas dagegen ist selbst unter Hipster-Gesichtspunkten eine etwas umstrittene Wahl. In einer fußballerisch eher lebensfeindlichen Umgebung bei Arminia Bielefeld muss man schon das richtige Spiel erwischen und sehr genau hinsehen, um das tatsächlich sehr starke Passspiel und das zumindest ordentliche Pressingverhalten zu entdecken. Von den fünf, sechs Aktionen, die Junglas im Arminia-Mittelfeld pro Spiel ungefähr bekommt, muss er drei oder vier nutzen, um überhaupt wahrnehmbar zu sein. Wäre spannend, ihn mal in einer anderen Mannschaft zu sehen, denn die Ansätze sind ja da. Aber er konnte sich nur gegen den technisch immer wieder überraschenden und insgesamt sehr guten Mittelfeldallrounder Christoph Moritz vom FCK durchsetzen, weil der vor allem am Ende der Saison zu viele ärgerliche Leistungen gezeigt hat.

In der offensiveren Rolle neben diesen beiden etwas unscheinbaren und wirklich eher übersehenen Achtern können Daniel Halfar vom 1. FC Kaiserslautern und Mario Kvesic von Erzgebirge Aue ihrem Naturell entsprechend öfter nach vorne stoßen und vor dem Tor ihre Kreativität ausleben. Halfar zeichnet vor allem eine insgesamt weit überdurchschnittliche Stärke am Ball aus, die ihn das Spielgerät sehr sauber weiterspielen und mit kurzen Dribblings sehr gut nach vorne transportieren lässt. Seine insgesamt sehr hohe Arbeitsrate entsteht auch durch viele kurze und spritzige Freilaufbewegungen, mit denen er Angriffe beschleunigt und sich selbst in kleinen Freiräumen im Zentrum oder den Halbräumen in Position bringt. Weiter vorne kennzeichnet Ideenreichtum und die Abneigung gegenüber eigenen Abschlüssen sein Spiel, da er selten in den Strafraum durchrückt und sich im letzten Drittel eher ausweichend bewegt. Im Pressing setzt sich seine engagierte und sehr aktive Spielweise fort, wo er trotz kleinerer Unsicherheiten im Timing vor allem mit sehr intensiven und gut nach außen leitenden Pressingläufen überzeugt.

Mario Kvesic ist demgegenüber ein in durchschlagskräftigen Szenen etwas präsenterer Zehner, dessen Dribblings etwas gewagter und dessen Passspiel in die Tiefe noch etwas nachdrücklicher ausfällt als das von Halfar. Ebenso wie der FCK-Kapitän lässt sich aber auch der Auer gerne weiter zurückfallen und unterstützt den Spielaufbau seiner Mannschaft, indem er mit dem Rücken zum gegnerischen Tor sichere Ablagen spielt und mit sauberen Pässen aufwartet.

In einer Hipster-Elf gibt es natürlich kein „klassisches“ Flügelspiel, dementsprechend gibt es auch keine klassischen Flügelspieler. Also schiebt man da Spieler hin, die man dringend dabei haben möchte, aber anderweitig nicht einbauen kann. Im Fall von Alexandru Maxim und Kenan Karaman ist das aber auch sehr einfach: Beide haben da schon oft gespielt (wahrscheinlich auch weil anderswo gerade kein Platz war), im Fall von Karaman ist der linke Flügel mit Bewegungen nach innen in der geeigneten Spielanlage der Mannschaft außerdem die Idealposition. Beide müssen da rein, obwohl man sie eigentlich schon kennt und das den Ansatz dieser Zusammenstellung ein wenig konterkariert. Aber bei beiden handelt es sich um die besten nicht genuin torgefährlichen Offensivspieler der zweiten Liga. Fertig.

Auf der anderen Seite findet man schon eher „Notlösungen“: Zwar spielte Akaki Gogia fast immer und Philipp Hosiner sporadisch auf der nominellen rechten Sturmseite, aber eigentlich sollten sie woanders aufgestellt werden. Gogia zeigte bei Dynamo Dresden über die gesamte Hinrunde gesehen vielleicht die beste Leistung aller Offensivspieler in der Liga. Am auffälligsten am aus der zweiten englischen Liga (!) nur ausgeliehenen (!) Halbstürmer ist seine extreme Beidfüßigkeit: Man weiß bis heute nicht, ob Gogia ursprünglich Links- oder Rechtsfuß ist. Im Spiel fällt maximal bei schnellen Direktpässen eine vielleicht etwas größere Sauberkeit mit dem rechten Fuß auf, aber Abschlüsse oder Ablagen sind mit dem linken Fuß genauso präzise. Diese technisch außergewöhnlichen Fähigkeiten paart Gogia mit einem gruppentaktisch wertvollen Bewegungsspiel, das ihn nahezu überall auf dem Feld hinverschlagen kann – mal bewegt er sich im Aufbau auf die halblinke Seite herüber; mal fällt er im richtigen Moment in den rechten Halbraum zurück und ist Anspielstation innerhalb der gegnerischen Formation, wo er mit seiner Pressingresistenz, seiner Dynamik und seiner Kreativität kaum zu stoppen ist; mal rückt er bei Angriffen ins Zentrum ein und stößt anschließend sehr gut nach außen durch die Abwehrschnittstellen in den Strafraum vor; mal bleibt er höher und bricht mit Tempo hinter die gegnerische Verteidigung durch. Gogia kann in einer einigermaßen konstruktiv ausgerichteten Spielweise der Mannschaft so ziemlich alles spielen, was nicht auf Körperlichkeit und Direktheit beruht. Gogoa verbindet die Mannschaftsteile, löst Drucksituationen auf und veredelt Angriffe, ohne auf eine dieser Rollen dauerhaft festgelegt zu sein. Dass ein solch vielseitiger, fast genialer Offensivspieler aber auch defensiv zumindest ordentlich mitarbeiten kann und sich nicht naturgemäß ausklinken muss, beweist Gogia zu guter letzt ebenfalls.

Philipp Hosiner ist demgegenüber schon eindeutiger als beweglicher Stürmer einzuordnen, der aber einerseits viel zu selten von Anfang an spielte, und andererseits im eher direkten, wuchtigen Union-Spiel ein bisschen nach seinen Nischen suchen musste. Hosiners offensive Orientierung im Raum und seine Handlungsschnelligkeit sind hervorragend: Sein Timing im Ballhalten und Dribbling ist sehr gut, und seine kurzen Ausweichbewegungen zum Unterstützen des Passspiels im Mittelfeld stechen recht schnell ins Auge. Darüber hinaus ist Hosiner sehr engagiert im Pressing und bringt eine dauerhaft hohe Intensität im Spiel gegen den Ball auf den Platz. Die gegenüber Quaner oder Neuzugang Polter weniger stark ausgeprägte körperliche Robustheit und die für die Außenbahn zu wenig eindimensionale Spielweise wird aber wohl auch in der Rückrunde gegen mehr Einsatzzeit sprechen. Wegen seiner technischen Klasse bei hohem Tempo und seiner etwas größeren Quirligkeit konnte sich der ehemalige Kölner aber für die Hipster-Elf gegen Teamkollege Steven Skrzybski durchsetzen, dessen dynamische Diagonalläufe und kreativen Ansätze ebenfalls hervorhebenswürdig sind.

Sturm

Ein „Stürmer“, was ja letztlich auch nur eine künstliche, menschengemachte Kategorie ist, ist genug. In der zweiten Liga gibt es allerdings mehrere interessante Spielertypen für eine Rolle in der größtmöglichen dauerhaften Nähe zum gegnerischen Tor. Statt auf übliche Verdächtige wie Dominik Kumbela, Martin Harnik oder Artur Sobiech zurückzugreifen, nehmen wir zwei Stürmer aus kleinen Mannschaften heraus, die auf unterschiedliche Art sehr überzeugend und extrem wichtig für ihre jeweiligen Mannschaften sind. Mit Fabian Klos schafft es der zweite und auch abgesehen von Junglas auch einzig für die Elf in Frage kommende Bielefelder in die Spitze. Beim gebürtigen Gifhorner handelt es sich wahrscheinlich auch um den Zweitligaspieler, der in seiner Wirkung auf die Mannschaft am stärksten unterschätzt wird. Klos ist kein flexibler, laufwütiger, „moderner“ Stürmer, aber besticht mit sehr effektiven kurzen Eingriffen in das Ballbesitzspiel seiner Mannschaft und dann auch guten Laufwegen vor das Tor. Klos spielt sehr zuverlässige, passende kurze Ablagen und Weiterleitungen, nachdem er sich im meistens richtigen Augenblick und für die Abwehr überraschend aus der letzten Linie gelöst hat. Das Gleichgewicht aus dem konstanten Herstellen von Sturmpräsenz, auch um als Zielspieler für lange Bälle bereitzustehen, und dem dann doch regelmäßigen Verlassen der klassischen Stürmerräume zu finden, sollte man nicht unterschätzen.

Mit Elia Soriano von den Würzburger Kickers steht dahinter ein insgesamt aufregenderer und flexiblerer, aber qualitativ und in Sachen Konstanz etwas weniger verlässlicher Stürmer. Der Deutsch-Italiener ist für die an anderer Stelle beschriebenen schnellen und flachen Angriffszüge der Würzburger aber ebenso von enormer Bedeutung: Mit seinem mitunter extrem weiten Ausweichen aus dem Sturmzentrum bietet er sich nicht nur entlang der gegnerischen Viererkette, sondern manchmal auch tiefer im Mittelfeld als Kombinationsmöglichkeit an und besticht mit technisch sehr guten Anlagen. In Umschaltangriffen fallen vor allem sein hervorragendes Timing im Zurückfallen in den Zwischenlinienraum und seine klugen Verlängerungen auf. Für einige Abschlüsse und auch Tore sorgt bei all dieser aktiven, mitspielenden Flexibilität sein klassischer „Torriecher“, der sich bei ihm in schlauen Laufwegen im Strafraum und guten Absatzbewegungen vom Verteidiger äußert.

Die Nachwuchs-Hipster: Große Talente im Fokus

Für einige Vereine aus der ersten oder mit höheren Ansprüchen in der zweiten Liga kommen viele der oben vorgestellten Spieler aber alleine schon wegen ihres Alters wohl eher nicht mehr als Verpflichtungen in Frage. Anders sieht es da in den Reihen der jungen Talente aus, von denen sich in der zweiten Liga sogar mehr finden lassen, als man vielleicht erwarten würde. Auch unter den höchstens 23-Jährigen mit zumindest signifikanter und/oder regelmäßiger Einsatzzeit lassen sich nicht-simple Spieler hervorheben, die bei einigermaßen guter Entwicklung definitiv für höhere Aufgaben gerüstet sind.

Talent-Elf-end

Ebenfalls bedenkenswert: Choi (St. Pauli, ’95), Weihrauch (FWK, ’94), Lenz (Union, ’94), Paqarada (SVS, ’94) oder Kamberi (KSC, ’95).

Im Gegensatz zur Elf der „Erwachsenen“ wollen wir hier aber keine dauerhaften Abstufungen zwischen den Positionskonkurrenten festlegen. Bei so jungen Spielern sind einerseits die Schwankungen noch zu groß, andererseits ist es auch einfach manchmal eine Frage von Geschmack und Fantasie, wie sich der eine Spieler entwickeln könnte. Beispielsweise dürfte es einem körperlich robusteren und dynamischeren Typen wie Akpoguma leichter fallen, sich auch in der ersten Liga durchzusetzen, als einem damit verglichen etwas schludrigeren Spieler wie Jannik Müller, der aber dafür mit einem besseren Passspiel und wohl etwas mehr Spielübersicht gesegnet ist.

Grischa Prömel hat andererseits wahrscheinlich noch nie außerhalb des defensiven Mittelfelds gespielt, es wäre aber mal interessant, weil ihm unserer Meinung nach für das Mittelfeld bei aller Allrounderhaftigkeit das gewisse Etwas fehlt. Eroll Zejnullahu spielt nicht nur viel zu selten, sondern dann meistens auch noch nicht auf seiner Idealposition, einer offensiven Achterrolle. Da ist er hier auch nicht aufgeführt, aber das liegt daran, dass der junge Kosovare eher ein Zehner ist als Fossum und die Achterrolle weniger attackierend und energisch-zupackend ausfüllt als der Fürther Kirsch. Am Dresdener Hauptmann und dem Auer Pepic führt andererseits deswegen kein Weg vorbei, weil es sich bei diesen beiden unserem Urteil nach um die größten Talente der zweiten Liga handelt.

Beide haben die Fähigkeit, ein Spiel an sich zu reißen und den Mannschaften ihren Stempel aufzudrücken: Pepic ist ein etwas weniger offensiver, aber dafür technisch noch besserer und sehr spielintelligenter zweiter Sechser, während Hauptmann mit seinem jugendlichen Überschwang an Spiellust und seinen technischen Geistesblitzen etwas impulsiver spielt. Aber in dieser größeren Explosivität liegt auch der Vorteil, dass er mit wenigen Aktionen einen großen Einfluss ausübt, während Pepic (und Fossum) etwas mehr von einem tragfähigen Umfeld abhängig sind. Hauptmann ist der deutsche Rasmus Falk (ein hervorragender Vergleich, der so gut ist, dass er nur von vfbtaktisch stammen konnte). Und dass kaum jemand wissen dürfte, wer Rasmus Falk ist und was für eine Auszeichnung das ist, ist das eigentliche Problem.

Die sehr geschmeidigen und ruhigen Innenverteidiger Koch und Rapp müssten sich eigentlich ebenfalls in der ersten Liga durchsetzen können, sofern sie passende Mannschaften finden, in denen nicht Robustheit und „ein Zeichen setzen“ das Kriterium für einen Verteidiger darstellt. Beide sollten stattdessen nicht allzu viel Muskelmasse zulegen, weil vor allem im Fall von Robin Koch das „Herumwickeln“ um den Gegenspieler von hinten eine große Stärke darstellt. Demgegenüber hätten Stürmer wie Köpke, der mit Schnelligkeit und recht guten Abschlussfähigkeiten besticht, oder der flexiblere und seine Mitspieler sehr gut unterstützende Schattenstürmer Kleindienst in der ersten Liga vielleicht größere Schwierigkeiten. Andererseits könnte Köpke in eine Mannschaft wie Mainz sehr gut passen. Aber zu viel wollen wir hier über diese teilweise wirklich sehr überzeugenden Talente auch nicht verraten. Andere Leute bezahlen für (allerdings bessere) Einschätzungen dieser Art schließlich Geld.

Kategorien: Debatte
  • AlbertC

    Hallo Jaime,
    streikst Du oder bist Du einfach vom Gebolze zu demotiviert?

  • Halfarsen

    Wie wäre es mal mit einer Rückschau auf historische 96-Momente und 96-Spieler?
    Ich habe auch keine Angst davor, dass ihr Cherundolo, Lala, Dabrowski, Vinicius, Zuraw oder Fahrenhorst lobt, Rangnicks wahnwitzige Defensive im Vorfeld seines Abgangs gutheißt oder Neururers damaliges Betreiben beklatscht, Brdaric auszubooten und stattdessen Madsen als Spezi von Hashemian nach Hannover zu holen. Lerne immer gerne dazu.

    Seit ich euch lese, sehe ich 96 entspannter, weil euch beinahe nichts in den Spielen entgeht!

    • Jaime

      Danke, Entspannung ist gut, aber uns entgeht leider mit ziemlicher Sicherheit so einiges…
      Historische Spiele finde ich auch spannend, aber man kommt ja leider nur schwer an vollständige Aufzeichnungen ran. Aber für die Zukunft halte ich das eigentlich auch für eine gute Überlegung.
      Aber wir haben in der Hinsicht ja sogar schonmal angefangen (mit Cherundolo!):
      http://www.niemalsallein.de/2016/08/fc-sevilla-retro/

      • Halfarsen

        Ab wann habt ihr denn 96 auf einem einigermaßen tiefentaktischen, mit dem jetzigen 10 Prozent aufwärts vergleichbaren, Level verfolgt?

      • AlbertC

        Seit Juli 2014 machen die das.
        Jedenfalls soweit ich das dem Archiv dieser Webseite zu entnehmen vermag.
        http://www.niemalsallein.de/2014/07

      • Halfarsen

        Ich meinte verfolgt und nicht darüber getextet. Wobei das Niveau der Betrachtungen, sowohl was Spannbreite als auch Tiefenschärfe angeht, mit dem gewissenhaften und mehr oder minder regelmäßigen Ausformulieren, wie es hier geschieht, sicherlich noch einmal einen Schub bekommen hat.

      • Jaime

        Kann man nicht genau datieren, würde ich sagen. Latent gab es schon etwas länger solche Art von Verfolgung. Damit angefangen sowas auch aufzuschreiben (zum Glück unveröffentlicht, das war schlimm) habe ich glaube ich Anfang 2013. Und die Hoffnung auf besagten Schub (auch wenn er momentan eher wieder zurückgeht…) war der Grund, mit dem Veröffentlichen anzufangen.

  • Mahqz

    Bei Manuel Riemann ist natürlich noch das Fußballhipster-Wissen zu seinem Pokalspiel gegen die Bayern zu erwähnen. Zwei Elfer gehalten, selbst einen gegen Oli Kahn verwandelt, trotzdem verloren…