Hamburger SV – 96 1:1

Nächste Ballbesitzprobe für 96, nächster Fall für ein Standard-Tor. Hamburg macht zu wenig aus dem Mittelfeld und holt den Rückstand gerade so noch auf.

Kompaktheit und kleine Aufbauunterschiede

Erwartungsgemäß wurde Hannover auch vom Hamburger SV der Ball überlassen. Die Hollerbach-Elf erwartete 96 in einem 5-3-2/5-1-2-2-Mittelfeldpressing und rückte nur selten weiter nach vorne heraus. Die beiden Stürmer Kostic und Wood sollten sich um den tieferen Hannover-Sechser Schwegler kümmern und den Ball auf einen der beiden Halbverteidiger leiten. Anton und Elez sollten dann von den beiden HSV-Achtern Walace und Hunt angelaufen werden, sodass ihnen weniger Platz und Zeit zum Aufrücken neben der Hamburger Formation gestattet würde. In der Anfangsphase funktionierte dies allerdings mehr schlecht als recht, da das Herausrücken und Abkippen der beiden Stürmer nicht gut koordiniert ablief und 96 innerhalb der Aufbau-Dreierreihe schnelle Verlagerungen gelingen konnten. Neben der Hamburger Formation konnte Hannover dann mit Schwegler oder den Halbverteidigern unbedrängte lange Bälle auf Füllkrug anbringen, der die Zuspiele auf Bebou (und Klaus/Korb auf der rechten Seite) verlängern oder auf Fossum und Klaus ablegen sollte. Dieses direkte Spiel nach vorne brachte Hannover wie schon phasenweise gegen Wolfsburg leicht erkaufte Offensivpräsenz, aber wenige gute Abschlusspositionen. Als Hamburg dann mit einer höheren Abwehrlinie insgesamt kompakter stand, die Stürmer etwas disziplinierter verschoben und die Achter stärkeren Zugriff auf die 96-Aufbauspieler erhielten, wurde Hannovers leichte Überlegenheit gedämpft. Auch die Versuche, die Dreierreihe nach rechts zu verschieben und Anton in einer Rechtsverteidiger-ähnlichen Position aufbauen zu lassen, brachten keine richtigen Impulse. Die drei Hamburger Mittelfeldspieler konnten zu den Seiten und in Person von Ekdal auch nach hinten das aggressive Nach-vorne-Verteidigen der drei zentralen Verteidiger immer gut ausgleichen. Die Hollerbach’sche Stabilität wurde so eigentlich dauerhaft erreicht.

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Im eigenen Aufbau sah sich Hamburg einem wieder nicht manndeckend aufrückenden Hannover-Pressing gegenüber, fand aber auch keine wirklichen Lösungen für den Vorwärtsgang. Pässe auf den linken Halbverteidiger van Drongelen bedeuteten für Hannover das Signal zum Aufrücken ins aggressivere Pressing, indem Klaus den Niederländer intensiv von innen anlief und ihn zur Entscheidung zwang. In diesen Szenen ging Hannover auch etwaigen Rückpässen nach. Dabei passte die Hannoversche Pressingformation, das 5-2-3, nicht zum Hamburger 5-3-2. Die nominelle Überzahl im Zentrum wussten die Hamburger am Anfang aber gar nicht, und gegen Ende der ersten Halbzeit nur nach zweiten Bällen zu nutzen: Hunt bewegte sich im Ballbesitz meistens auf der halbrechten Seite entweder zu tief, ohne den Aufbau entlasten zu können, oder zu hoch in der letzten Linie. So konnten sich Schwegler und Fossum meistens doch Ekdal und Walace zuordnen und sie aus dem Spiel nehmen. Im Aufbau fehlten dem HSV deshalb die Mittel, um in Hannovers kompakten Fünferblock um die Mittellinie herum hineinzuspielen (mit Ausnahme einzelner Diagonalpässe von außen). Die langen Bälle nach vorne funktionierten aber trotz der körperlichen Nachteile der Zielspieler Wood und Kostic ordentlich, weil das Nachrücken der Mittelfeldspieler und das Einlaufen des jeweils anderen Stürmers für Hannover relativ schwer zu verteidigen war. Wenn Hamburg den dritten Mittelfeldspieler im Konter oder nach einem der zahlreichen zweiten Bälle ins Spiel bringen konnte, hatten die Gastgeber die größten Aussichten auf einen Torerfolg – die Tatsache, dass dieser Vorteil eben viel instabiler abgerufen werden konnte als Hannovers wuchtiges Spiel ins letzte Drittel sowie Hannovers größere Möglichkeiten in der tiefen Ballzirkulation ließen das Spiel nicht zu Gunsten der Hamburger kippen.

Hamburger Umstellung für mehr Ballbesitz

Mit Ito für Diekmeier ging Hollerbach von der Fünferkette weg und schickte seine Elf im 4-2-3-1 in die zweite Halbzeit, das kurze Zeit später zum 4-4-2 wurde, als Arp für Zehner Hunt ins Spiel kam. Die beiden Sechser Walace und Ekdal kippten jetzt viel nach hinten und außen ab und unterstützten die Viererkette dabei, die numerische Überzahl in der Aufbauzone gegen Hannovers Dreiersturm auch in einen ruhigeren Aufbau als im ersten Durchgang zu übersetzen. Der Pressingtrigger „Pass auf den spielschwachen van Drongelen“ entfiel dadurch für Hannover und das Herausrücken fiel zunehmend schwer. Die doppelte Flügelbesetzung gab dem HSV auch mehr Möglichkeiten, sich über die Außenbahnen nach vorne zu spielen, was vorher kaum möglich gewesen war. Ito agierte dabei tiefer und stark auf Dribblings fokussiert, während Rechtsverteidiger Sakai in die Mitte zog, was dem HSV dabei half, sich auch gegen das Hannoversche Verschieben mit den weit herüberrückenden Sechsern zu befreien und Verlagerungen anzubringen. Das Mittelfeld selber bespielten die Hamburger jetzt allerdings fast noch weniger als vorher, sodass trotz der Ballbesitzüberlegenheit kaum ernstzunehmende Abschlüsse heraussprangen. In ein paar Szenen überzeugte allerdings das Ablagenspiel in der zahlreich besetzten Sturmreihe, aus der sich Wood und Arp lösten und flache Steilpässe aus der Abwehr gut auf Kostic oder die Sechser ablegen konnten. Die mit der wuchtigen und unbalancierten Spielweise einhergehende Konteranfälligkeit hätte nach einem Klaus-Durchbruch zwar auch noch beinahe das 2:0 durch Bebou bedeutet, brachte aber am Ende den auch leistungsgerechten Ausgleich nach Standardtoren ein.

Kategorien: Taktik-Analyse