Der Breitenreiter-Code

Hannover 96 ist „zu 96 Prozent aufgestiegen“, heißt es seit Sonntag. Stimmt zwar wahrscheinlich nicht, ein bisschen näher dran ist man entweder mit 98,1% oder mit einem geringeren Wert – aber was haben Prozente schon mit gefühlten und gefühligen Wahrheiten zu tun. Was hat Fußball überhaupt mit Wahrheit zu tun? Was hat Wahrheit überhaupt mit Gefühlen zu tun? Schließlich spielt Hannover 96 seit André Breitenreiters Amtsübernahme auch nicht plötzlich „endlich wieder vernünftigen Fußball“, obwohl das vielleicht sogar niemand behauptet hat. Aber es ist einigermaßen wahrscheinlich, dass das von jemandem so gesagt wurde. Und es wäre dann eher falsch. Um diese These zu begründen, ordnen wir die Erfolgsserie seit dem Trainerwechsel (statistisch) ein.

Erfolge und Spielen mit Ball…

Von Platz vier mit zwei Punkten Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz ging es in der Tabelle hoch auf Platz 2 mit drei Punkten Polster auf die Relegation. Acht Spiele unter Breitenreiter sorgten für 20 von 24 möglichen Punkten, wo unter Daniel Stendels Regie 16 Zähler eingefahren wurden. Immer doof, wenn man relativ komplexe Angelegenheiten wie den Erfolg (im Sinne von Ergebnissen) einer Fußballmannschaft auf den Trainer als angeblich bedeutenden Faktor reduziert, aber die Spieler sind ja von relativ kleinen Schwankungen abgesehen die gleichen geblieben und wir können die anderen Variablen noch schlechter überprüfen, also was soll’s… Breitenreiter > Stendel.

Es ist aber natürlich nicht alles schlagartig anders geworden mit dem neuen Trainer. Einige Elemente sind trotz der unterschiedlichen Punktebilanz eher gleich geblieben: 96 spielt unter Breitenreiter genauso viele Pässe pro Spiel wie zuvor unter Stendel (Rückrunden-Stendel: 427; Breitenreiter: 429), und ebenso wie der Anteil langer Bälle im Spiel praktisch unverändert blieb (13%; 15%), hat sich auch die Passgenauigkeit nicht dramatisch verbessert (70%; 73,5%). Die durchschnittliche Ballbesitzquote liegt unter dem aktuellen 96-Trainer mit 52% auch nicht weit entfernt von den 55,5% unter Stendel. Und auch die groben Passmuster haben sich nicht besonders stark gewandelt.

Drittelpässe-Spielfeld

In welchem Drittel spielte 96 in der Rückrunde wieviele Pässe? (Ärgerlich: Keine Aussage darüber, in welchem Drittel wie oft der Ball abgespielt wurde, sondern: „Welches Drittel wurde wie oft mit Pässen angesteuert?“) Quasi keine Änderungen, was angesichts der maximal groben Zoneneinteilung aber nicht überraschen sollte. Daten: whoscored.com

An der grundsätzlichen Ballbesitz-Spielanlage oder der Fähigkeit zur Dominanz hat sich also, wenig überraschend, durch den spontanen Trainerwechsel zunächst nicht viel verändert.

… und Erfolgschancen

Was aber mit dem Abklingen des üblichen Erlösungsgefühls nach einem Trainerwechsel auch mittlerweile weitgehend akzeptiert ist: Es ist nicht alles schlagartig besser geworden mit dem neuen Trainer. In den ersten Begegnungen unter André Breitenreiter baute 96 offensiv sogar ein wenig ab und kam im Schnitt zu zweieinhalb Abschlüssen weniger pro Spiel als vorher. Erst dank einer Steigerung im Offensivspiel in den letzten drei Wochen konnte die Mannschaft diesen Rückstand gegenüber der ersten Rückrundenhälfte aufholen. Nach dem Stuttgart-Spiel steht es zwischen dem Stendel-96 und dem Breitenreiter-96 mit 102:101 Abschlüssen in jeweils acht Spielen Unentschieden, und auch der Anteil an Abschlüssen aus dem freien Spiel ist unter Breitenreiter nur geringfügig gesunken (45,5% aller Abschlüsse nach Standards; unter Stendel: 42,2%). Die Mini-Euphorie nach dem Trainerwechsel wurde nur anfänglich auch von einer überdurchschnittlich hohen Chancenverwertung angefacht (zwischenzeitlich 43%), die sich in den letzten Spielen aber wieder normalisiert hat. Sowohl unter Stendel, als auch unter seinem Nachfolger nutzten die 96-Spieler 31% ihrer Großchancen (bzw.: die Chancenqualität kann in Ermangelung der ohnehin nicht flausenfreien expected-Goals-Werte insgesamt als gleichwertig betrachtet werden; bisschen small-n, aber geht schon). Folglich fällt die Ausbeute auch fast gleich aus: 9 Tore unter Stendel stehen 10 Treffer in den letzten acht Spielen gegenüber. Also… Breitenreiter = Stendel.

Dass die wesentlichen Gründe für den Erfolg nach dem Trainerwechsel in einer defensiven Stabilisierung zu suchen sind, ist natürlich keine neue Erkenntnis. Nur zwei Gegentore in den acht Rückrundenspielen unter Breitenreiter sprechen sich rum und für sich. Aber mit dem Blick auf die „Total Shot Ratio“, also den Anteil eigener Abschlüsse an allen Versuchen, und die „Shots on Target Ratio“ wird der entscheidende Unterschied konkreter: Die defensive Stabilisierung unter Beibehaltung des vorherigen Ausmaßes an eigener Torgefahr sorgt für eine Verbesserung der TSR  von 0,5 unter Stendel auf 0,58 unter seinem Nachfolger ( = 58% aller Abschlüsse in Spielen mit 96-Beteiligung kamen von Hannover). Das alleine würde als Erklärung des Aufschwungs immer noch nicht genügen (wohl aber das Straucheln am Anfang der Rückrunde illustrieren). Die „Shots on Target Ratio“, also das Verhältnis der gefährlichen Torschüsse, hat sich aber deutlicher zum Positiven entwickelt: Von 0,45 ( = die Stendel-Elf ließ in der Rückrunde mehr gegnerische Schüsse aufs Tor zu, als sie selber produzierte) steigt der Wert nach dem Trainerwechsel deutlich auf 0,64. Da 96 in diesem Zeitraum mit 32 Schüssen aufs Tor nur vernachlässigenswerte drei eigene Großchancen mehr als in den acht Spielen zuvor produzierte, ist auch eine etwaige qualitative Steigerung im Angriffsspiel nicht der entscheidende Faktor für den Erfolg.

Abschlüsse-rrVerlauf

Entwicklung der 96-Abschlussbilanz von der Hinrunde (bekannt aus dem Hinrundenrückblick) über den Trainerwechsel bis zum aktuellen Stand.

(Wobei eine wichtige Einschränkung darin besteht, dass als Vergleichswert immer das Rückrunden-Stendel-96 gemeint ist, das offenbar dem Hinrunden-Stendel-96 in manchen Aspekten so weit hinterherhinkte, dass es überhaupt erst zur Entlassung des Trainers kam.)

Spielen und Verteidigen ohne Ball

Die Anzahl zugelassener Schüsse aufs Tor, also die Abschlüsse, bei denen der Gegner genauer zielen konnte, wurde fast halbiert (von 4,38 pro Spiel unter Stendel auf 2,25 unter Breitenreiter). Hier finden wir erstmals einen wirklich signifikanten Unterschied zwischen den beiden Rückrundenhälften. 96 hat sich unter Breitenreiter also offensichtlich wesentlich darin gesteigert, den Gegner aus torgefährlichen Abschlusspositionen fernzuhalten. Das bezieht sich vor allem auf das laufende Spiel, da der Anteil an gegnerischen Abschlüssen nach ruhenden Bällen auf 43% gestiegen ist (unter Stendel: 36%). Dafür hat 96, wie man auch unschwer ohne Statistik erkennen konnte, nicht auf den Hinrunden-Ansatz zurückgegriffen, den Gegner komplett kaputt zu pressen und seine Spielanteile allgemein zu reduzieren. Breitenreiter hat stattdessen den – zu Beginn der Rückrunde unter Stendel ohnehin etwas abgemilderten – Schwung und die Vehemenz aus dem Pressing genommen und die Mannschaft kollektiv tiefer stehen lassen. Durften die gegnerischen Mannschaften unter Stendel nur durchschnittlich 338 Pässe spielen, steigt dieser Wert unter Breitenreiter relativ deutlich auf 402 an, während ihre durchschnittliche Passquote von 62,9% auf relativ gewöhnliche 69% klettert.

Zwar gab es auch hier über die jüngsten acht Spiele wieder eine Art Regression hin zum Stendel-Durchschnitt, nachdem die ersten Spiele unter dem neuen Trainer noch stärker abwichen (mit einem erst sporadisch eingestreuten und dann gegen Stuttgart schon regelmäßiger gezeigten und im Detail auch geschickten Angriffspressing). Aber die geringere Intensität im Spiel gegen den Ball wird auch durch die gesunkene Anzahl abgefangener gegnerischer Pässe (von ballbesitzgewichtet 29 unter Stendel auf 24,5 pro Spiel unter Breitenreiter) und in weniger geblockten Aktionen, also eher unkontrollierten Unterbrechungen des gegnerischen Spiels (18; 13) relativ gut verdeutlicht. 96 zwingt seine Gegner unter Breitenreiter seltener zu langen Bällen als vorher (23,4%; 19%) und lässt sie etwas häufiger im Mittelfeld gewähren, ist aber schwieriger in Richtung des eigenen Tors zu überspielen und musste somit auch weniger klare Durchbrüche zum Tor hinnehmen.

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Welche Drittel konnten die 96-Gegner in der Rückrunde mit ihren Pässen ansteuern? Auch hier keine großen, aber minimal deutlichere Unterschiede. Datenquelle: whoscored.com

Mit der insgesamt geringeren Pressinghöhe, der größeren Kompaktheit auch im tiefen Verteidigen (zeitweise zieht sich auch Füllkrug mit zurück, statt als Konter-Anspielstation weiter vorne zu verbleiben) oder auch der Neigung, in der eigenen Hälfte kaum noch ins Gegenpressing zu gehen, sondern den gegnerischen Angriff zu verzögern und sich kollektiv zurückfallen zu lassen, hat 96 mehr Personal am und im eigenen Strafraum. 96 lässt unter Breitenreiter nur sehr wenige Schüsse aus guten Positionen zu, weil der Raum vor dem Tor dichter besetzt ist. Die Mannschaft blockt dadurch mehr gegnerische Schussversuche (22% unter Breitenreiter gegenüber 16,7% unter Stendel) und greift vor allem häufiger auf die sichere Lösung zurück und klärt den Ball. Die Quote von Klärungsaktionen an den vom Gegner im 96-Drittel gespielten Pässen liegt mit 18% ebenfalls über den 14% aus der Stendel-Zeit. Die verbesserte Endverteidigung zwingt den in der Regel ohenhin nicht besonders kreativen und kombinationsstarken Gegner zu Weitschüssen, die einfach seltener den Weg aufs Tor finden: Während unter Daniel Stendel in der Rückrunde nur jeder Dritte zugelassene Abschluss aus mehr als 16 Metern erfolgte (und somit zwei Drittel von innerhalb des Strafraums abgegeben wurden), bestanden die gegnerischen Abschlüsse unter Breitenreiter zur Hälfte in Weitschüssen.

Ein Großteil der Erfolgsserie seit dem Trainerwechsel ist also allem Anschein nach auf die taktischen Anpassungen Breitenreiters im Defensivspiel zurückzuführen. Ein wenig scheint sich aber auch das Ausspielen der eigenen Angriffe verändert zu haben, da die Quote geblockter 96-Schüsse durch den Gegner seit dem Trainerwechsel auf ebenfalls 22% stark gesunken ist. Die naheliegende Deutung besteht darin, dass 96 seine eigenen Abschlüsse mit mehr Tempo vorbereitet und zumindest immer wieder einzelne Momente provoziert, in denen der Gegner das eigene Tor nicht optimal versperren kann. Unter Daniel Stendel scheinen hingegen die Lösungsansätze gefehlt zu haben, sich gegen einen tiefstehenden Gegner freie Sicht auf das Tor zu verschaffen und die größere Offensivpräsenz in Zählbares umzuwandeln, da sehr hohe 35% aller Abschlüsse von Gegenspielern geblockt wurden.

Andersherum könnte das aber zum Beispiel auch bedeuten: 96 bringt aktuell mehr Schüsse aus nicht besonders vielversprechenden Situationen auf das Tor, die zum Beispiel von einem leicht ungeordneten Gegner nicht aufgehalten werden können, aber trotzdem keine hohe Chancenqualität besitzen und vom gegnerischen Torwart relativ leicht pariert werden können (quasi freie Weitschüsse, die abgegeben werden, um den Angriff abzuschließen und sich dann wieder ordnen zu können). An dieser Stelle ist die Datenmenge mit jeweils nur acht Spielen aber zu gering (bzw. der Einfluss einzelner Ergebnisse/Zahlen noch recht groß, sodass die spezifischen Gegner-Fähigkeiten noch etwas zu stark auf die Durchschnittswerte wirken können) und die Aussagekraft der frei zugänglichen Zahlen zu überschaubar (sehr grundsätzliches Problem…). Die herausgearbeiteten Unterschiede im Detail passen allerdings gut genug zum subjektiven Spieleindruck und ergeben auch ein überwiegend stimmiges Gesamtbild, sodass die grobe inhaltliche Begründung für den Breitenreiter-Aufschwung: „bessere Endverteidigung“ mit einigermaßen großer Wahrscheinlichkeit der Wahrheit entspricht. Ein bisschen Platz hat die Wahrheit im Fußball ja vielleicht doch.

tl;dr

tldr

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