1.FC Nürnberg – 96 2:0

Mit umgebauter Startelf ging 96 nach der Niederlage in Berlin gegen den 1.FC Nürnberg ins Spiel. Die schlecht in die Saison gestarteten und zuletzt aufholenden Franken kontern sich am Ende nach einer weiteren dürftigen 96-Leistung zu einem 2:0.

Schlechte Ballbesitzmannschaft wird ausgekontert

Nürnberg begegnete dem 96-Aufbau mit einem zunächst raumorientierten, etwas höheren 4-4-2-Mittelfeldpressing und wechselte in den Folgeszenen zwischen kompakterem Rückzug oder mannorientiertem Aufrücken ins kurzzeitige Angriffspressing. Zwar tat sich Sahin-Randlinger verglichen mit Tschauner als deutlich brauchbarere Entlastungs-Station zum Umspielen des höheren Gegnerdrucks hervor, aber wieineigentlichjedem bisherigen Spiel zeigte das 96-Mittelfeld wenige passende Freilaufbewegungen, um sich im Anschluss kontrolliert in den Angriff zu spielen. In den tieferen Nürnberger Pressingphasen rückte je nach Abständen im Mittelfeld einer der beiden FCN-Sechser auf seinen tieferen 96-Widersacher (zunächst meistens Sané) heraus und versperrte den Weg durch das Zentrum oder hielt sich eher am nur sporadisch zurückfallenden Zehner Maier. Vor der 96-Aufbaudreierreihe suchte dann zunehmend Sané ein bisschen Freiraum hinter den Nürnberger Stürmern oder den Weg auf die (halb-)linke Seite, um als erste flache Anspielstation in oder neben der Nürnberger Formation das Spiel nach vorne zu tragen. Albornoz rückte gewohnt weit auf, drückte Prib in den linken Halbraum oder ins Zentrum, wo mit Maier und dem ballhaltenden Sobiech der Durchbruch gelingen sollte. Mit dem zwischenzeitlich sehr weit mit auf diese Seite herüberrückenden Rechtsaußen Klaus überlud 96 die linke Seite, hatte aber auch wegen der tieferen Sechser-Interpretation von Sané im Vergleich zu Schmiedebach in diesen Szenen eine etwas andere Ballungsstruktur, die gewissermaßen das schnelle Ausspielen und Abschließen solcher Angriffe erforderlich machte (z.B. Klaus und Albornoz als Stationen sehr weit außen, Prib (und Sobiech) im Halbraum, Maier zentral vor der Abwehr, aber eben keine diagonale Rückweg- oder Verlagerungsoption). Nürnberg konnte die Überladungen relativ problemlos zuschieben, zeigte sich mit den beiden gut aufgelegten, robusten Sechsern präsent und 96 schloss wieder zu häufig aus der Distanz ab. Echte Torgefahr strahlte 96 kaum aus.

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Staffelungen und Bewegungen in den Phasen tieferen Nürnberger Pressings bzw. nach dem 96-Neuaufbau. Ausgangsstaffelung auf Seiten der Nürnberger ansonsten höher, mit dem Mittelfeldband ungefähr auf Mittellinienhöhe, anschließendes Aufrücken zum Gegenspieler (Flügelspieler-> AV, 6->6, Stürmer->IV/ sporadisch Torwart)

Nürnberg konnte den eigenen Plan dank der frühen Führung nach einem schnellen Umschaltangriff in Folge eines gewonnenen zweiten Balles und der Sicherung durch Burgstaller gegen zwei Gegenspieler noch besser umsetzen und investierte viel in den Gewinn von Abprallern nach langen Bällen im Mittelfeld. Gegen Hannovers 4-4-2-Angriffspressing schickten sie den Ball auf ihre Zielspieler, den seitlich ausweichenden Matavz und den robusten Burgstaller auf der halblinken Seite. Über den dribbelstarken und durchschlagskräftigen Kempe rechts und den stürmerartigeren, aber entscheidungssicheren Burgstaller suchten sie mit Vorbereiter Möhwald den schnellen Abschluss, sei es nach tiefen Balleroberungen oder nach gewonnenen zweiten Bällen. Da sich Sané, mal wegen eines zu hohen Maiers, mal ohne vermutlich allzu komplexen gedanklichen Hintergrund, nach Erhalt des Balles im Sechserraum oder seitlich neben der Nürnberger Formation in ungefähr jedem zweiten Fall für den langen Ball zwischen die hinteren FCN-Linien entschied, standen die Ablagen, Abpraller, ersten Umschaltansätze und (unter anderem wegen der Sané-Bakalorz-Doppelsechs und wegen Maiers weniger bewegungsstarken Art) schwächeres 96-Gegenpressing zwischen zwei dementsprechend über weite Strecken eng zusammengezogenen Mannschaften im Mittelpunkt. Ging der zweite Ball an 96, wurde Albornoz umgehend zur Grundlinie geschickt und konnte im Optimalfall noch mit Prib kombinieren. Nach einer Balleroberung von Petrak gegen den in dieser Szene doch einmal tiefer angespielten Maier schaltete Nürnberg schnell über Möhwald um und erzielte das 2:0.

Leichtes 96-Drängen ohne Erfolg

Nürnberg startete mit rund fünf bis zehn Meter tieferem Pressing in die zweite Halbzeit und ließ 96 damit kurzzeitig besser in die gewünschte Struktur mit sehr hohen Außenverteidigern und viel Personal in der letzten Linie und kurz davor kommen. Der für Sobiech eingewechselte Harnik zeigte mit plötzlichen, weiten Zurückfallbewegungen zwei belebende Momente für das Angriffsspiel, mit denen 96 schneller über die Flügel aufrücken konnte. Die hohen Außenverteidiger, auf der rechten Seite der von Felipe nach außen verdrängte Anton, hatten etwas mehr Platz und ermöglichten Prib und Harnik (der immer mal wieder kurzzeitig mit Klaus tauschte) das mitunter weite Einrücken, sodass die Unterzahl der beiden Club-Sechser im Vergleich zur ersten Halbzeit noch etwas verstärkt wurde. Mit mehr Druck im Angriff und zwischen den Linien gelangen 96 zwei, drei Durchbrüche, von denen einer auch zum Elfmeter führte, und kurz nach Wiederanpfiff eine Ballsicherung und Halbraumverlagerung begünstigte, an deren Ende Pribs Halbfeldflanke Harnik fand und die Vorlage zur besten 96-Chance des Spiels darstellte. Beides genügte nicht zum Anschlusstreffer, Nürnberg rückte im Pressing wieder weiter heraus, stellte auf ein 4-4-2 mit Burgstaller vorne und Leibold links um, Bakalorz und Sané rannten noch ein paar Mal nach vorne, 96 überlud immer mal wieder irgendwelche Räume (halbrechts ein bisschen, manchmal), Nürnberg konterte ein paar Mal, Abpfiff.

(Analytischer Teil ist hier vorbei, der Subjektivitätsgrad steigt kontinuierlich)

Ein paar Fragen

Wie das gesamte Spiel gab auch die zweite Halbzeit für eine taktisch geprägte (Kurz-) Spielanalyse wenig her. Also nutzen wir die gerade vorhandene Aufmerksamkeit für ein paar allgemeine und spezifische Überlegungen, ohne argumentativ allzu sehr in die Tiefe zu gehen – die Zeit der Argumente ist doch sowieso vorbei.

Vor dem Anpfiff: Eigentlich soll Salif Sané nicht in der Startelf stehen, der Spielberichtsbogen weist wie zuletzt Manuel Schmiedebach und Marvin Bakalorz als designierte Besetzung des zentralen Mittelfelds aus. Dann kommt irgendwas dazwischen, Schmiedebach kann nicht spielen, man braucht einen Ersatz. Auf der Bank sitzen dafür Mike-Steven Bähre, Iver Fossum und eben Sané, wenn man auf die Schnelle möglichst wenig umstellen möchte (Karaman rein, Prib vor die Abwehr oder so wäre ja zumindest denkbar gewesen). Was macht man dann? Überlegt man sich, welcher Spieler aus dem Kreis der Kandidat der Schmiedebach-Rolleninterpretation am nächsten kommt, um dann quasi einen „Eins-zu-eins-Ersatz“ aufzubieten, und relativ wenige Änderungen am voraussichtlichen Spielverlauf oder den erwartbaren Strukturen zu befürchten zu haben? Denn schließlich macht man sich ja vorher vermutlich schon so seine Gedanken, warum der eine jetzt spielt und der andere nicht. Können ja nur elf. Im Idealfall gibt’s dafür ja Argumente und Gründe, so nerviges Zeug eben. Wie auch immer, am Ende kommt kurzfristig Sané für Schmiedebach auf den Platz. Das kann man schon machen, wenn man der Meinung ist, dass es sich bei Sané um einen guten Sechser handelt (naja, naja…). Aber da ist ja eben wie erwähnt eigentlich noch die ursprüngliche Idee, also vielleicht, ganz plump gesagt, sowas Ähnliches wie: „Schmiedebach bisschen mehr nach vorne, wuselig, nerviger Typ, furchtbar zweikampfschwach und winzig, ganz, ganz schrecklicher Spieler, zu nichts zu gebrauchen, aber halt Kapitän und naja, was solls; und daneben Bakalorz, tolle Grätschen, rennt viel, haut auch mal einen um, spielerisch nicht toll, aber hin und wieder stolpert vielleicht der Kleine richtig gegen den Ball, das geht schon so zusammen“. Streicht man dann den Schmiedebach aus der Gleichung, kann man eben nicht Sané einsetzen, ohne ein anderes Ergebnis zu erwarten.

Sané als Bakalorz-Subtitut, mit ähnlicher Rolle, bisschen größer, gewinnt viele Kopfbälle, wie toll!, technisch bisschen besser, irgendwie ein natural born leader-Typ, Wahnsinn, Präsenz, Fummelei, alles, aber eben eher hinten rumstehen, Bälle klären, mal einen Zweikampf gewinnen, Ball unfallfrei abgeben – das geht schon. Kann man so machen. Aber dem Bakalorz noch einen Sané zur Seite zu stellen, wo eigentlich ein ganz anderer Spielertyp eingeplant war, das klappt nicht ohne Nebenwirkungen. Das ist an sich auch kein Problem, alles hat Nebenwirkungen, man kann nichts so vollkommen zuende denken, dass man sich hinterher auf die Schulter klopft und sagt: Ich hab das alles vorher genau so geplant, es ist komplett aufgegangen. Das sagen zwar hinterher manchmal Leute, aber das ist ja trotzdem Quatsch. Man kann es, wenn man weiß worüber man da nachdenkt und warum man das eigentlich alles macht (gibt auch Trainer bei denen es schneller geht…), mit einigermaßen großer Erfolgswahrscheinlichkeit vermuten und sich dann am Ende richtig entscheiden und damit trotzdem „danebenliegen“. Aber wenn man Sané, den man eigentlich auch eher als Innenverteidiger sieht (zurecht, aber das ist in Hannover eben schwer vermittelbar), dann trotzdem für einen ganz anderen Spielertypen bringt, obwohl man mit Fossum einen erstaunlich ähnlichen, genauso kleinen, genauso zweikampfschwachen!, viel zu langsamen Nullwertspieler auf der Bank sitzen hat, also eine ganz gut passende Kopie – was sagt uns das? Wo ist da der Fehler? Oder muss das so?

Sind diese Überlegungen in dem Moment nicht so wichtig, sind sie also eigentlich, gefühlt, generell wurscht? Sind sie eigentlich wichtig, aber am Ende mault die Bild ja doch nur rum, wenn der 10-Millionen-Star (stimmt beides nicht, aber siehe oben, Argumente und so) nichtmal dann spielt, wenn einer ausfällt? Dafür ist Daniel Stendel ja nun wirklich nicht der Typ, generell wird der Einfluss der antizipierten Medien-Meinung auf Aufstellungen und so vermutlich hoffnungslos überschätzt. Fossum ist ja kein bisschen in Form, den kannste nicht bringen? Naja, offenbar gut genug für den Kader, Hoffmann zum Beispiel ist das nicht. So schlimm kann’s nicht sein. Außerdem: „Form“ ist ja ein gedankliches Hilfs-Konstrukt, mit dem man die jüngsten Leistungen zusammenfasst. Und Leistung ist immer von tausend Sachen abhängig, unter anderem tausend Kontext-Variablen, also so marginale Aspekte wie Mitspieler, Position, Gegner, schlecht geschlafen, Spielverlauf, sinnvolle Überlegungen des Trainerteams vorher, usw. Fossum hat zuletzt nicht gut gespielt, aber er hätte weder auf der gleichen Position gespielt wie zuletzt, spricht er hätte andere Aufgaben in anderen Räumen mit anderem Tempo und anderer Zielsetzung gehabt, noch hätte er demzufolge die gleichen Mit- und Gegenspieler vorgefunden. Da überwiegt, wenn man es rational betrachtet (jaja, siehe oben) doch eigentlich in den meisten Fällen die Hoffnung, dass die schlechte Form in einem anderen (zumal generell passenderen) Umfeld dann eben plötzlich vorbei ist, gegenüber den Komplikationen der zur ursprünglichen Überlegung abweichenden Entscheidung. Womit nicht gesagt werden soll, dass 96 mit Fossum-Bakalorz 5:0 gewonnen hätte. Vermutlich nicht. Oder dass 96 dann unfassbar gut gespielt hätte. Wahrscheinlich auch das nicht. Aber der Unterschied zwischen Schmiedebach-Bakalorz und Sané-Bakalorz ist eben schon recht groß. So groß, dass zumindest die Frage nicht intuitiv beantwortet werden kann, warum es in den Minuten vor dem Anpfiff kam, wie es kam. Wenn es zum Beispiel bedeuten würde, dass irgendwelche Pseudo-Faktoren wie „Ausstrahlung auf dem Platz“ oder „Führungsspieler“ oder ein ominöses Allgemeinkriterium wie „Qualität“ am Ende den Ausschlag über die Aufstellungsentscheidungen geben, wäre das zumindest was, was man gerne wüsste. Dann könnten zum Beispiel wir uns einiges sparen. Mit ziemlicher Sicherheit ist es nicht so, und zum Teil spielen ja sogar tatsächlich auch solche Sachen eine Rolle. Aber wie gesagt: keine Ahnung.

Vorne links: Nach dem in Sachen Positionsspiel und Struktur im Ballbesitz äußerst schwachen Spiel gegen Berlin gab es heute eine Reaktion, die Überladungen auf der linken Seite oder zumindest die immer mal wieder relativ bewusst angespielten Ballungen um den hohen Albornoz herum waren deutlich hilfreicher als die als kleine Reminiszenz an Michael Frontzecks Idee von Raumbesetzung erinnernden Union-Staffelungen. Das muss man lobend hervorheben, ein Problem wurde erkannt, eine passable Lösung gefunden und am Ende auch phasenweise auf den Platz gebracht. Aber, auch wenn das im laufenden Spiel dann sicherlich außerhalb des Einflussbereichs des Trainerteams liegt, in der Umsetzung ist es dann schon ein bisschen ärgerlich. Überladungen oder geballte Räume sind ja im Endeffekt immer mit kurzen Passwegen, engen Räumen und, weil die meisten Gegner auch nicht ganz blöd sind, vielen Gegenspielern verbunden. Da hilft es schon, wenn man Überladungen nicht um der Überladung willen oder nur als Handlungsstütze auf den Rasen legt, sondern ein bisschen auch, weil man Spieler hat, die diesen strukturellen Vorteil praktisch nutzen können. Aber dann rennt Felix Klaus (nichts gegen Klaus, er macht was er kann) da in einen 30-Quadratmeter-Raum mit sieben, acht Spielern rein, und kriegt den Ball. Das kann man schon probieren, aber wenn er am Ende auch noch was damit anfangen soll, wirds dünn. Das kann man auch von Klaus in der Regelmäßigkeit nicht verlangen, also sollte man es ganz lassen. Was soll denn sowas?

Die Idee: Die Spielanlage ist seit Stendels Amtsübernahme schon relativ klar, eigentlich auch keine dumme Idee, auf jeden Fall mutig, aktiv und hat als Ausgangspunkt die Frage nach dem Weg zum Tor. Da gibt es einige weniger unterhaltsame und letztlich weniger vernünftige Ansätze. Am Saisonanfang hat das auch teilweise gut funktioniert. Flacher Aufbau, riskant und vielversprechend am Zentrum vorbei möglichst schnell nach vorne. Nicht unbedingt elegant, aber es ist Hannover 96 in der zweiten Liga, da nimmt man, was man kriegen kann. Die Offensivspieler sind ziemlich gut, da ist es keine dumme Idee, ihnen möglichst viele Gelegenheiten zu geben, das auch zu zeigen, selbst wenn da ein bisschen mehr Ausschuss produziert wird. Dementsprechend viele Abschlüsse und auch einige gute Torchancen kamen dabei auch herum. Aber irgendwann viel zu früh ging der spielerische, konstruktive Ansatz nach vorne ein bisschen verloren (man könnte behaupten, es fiel mit der Sobiech-Verletzung zusammen, einerseits wäre das nicht komplett falsch, aber auch nicht richtig genug, um die damit einhergehende Provokation zu wagen). Und am vorläufigen Ende dieses schleichenden Prozesses lässt sich 96 jetzt immer bereitwilliger darauf ein, die eigene individuelle Überlegenheit dem Zufall zu opfern, der beim Fußball eben meistens in Gestalt des zweiten Balles im Mittelfeld und in der Folge dem Konteransatz daherkommt. 96 spielt etwas weniger gut von hinten heraus als in den ersten Sommerwochen, vor allem aber spielt 96 im zweiten Drittel viel zu rumpelig nach vorne weiter, und der Gegner bolzt ja sowieso meistens den Ball lang nach vorne, da gibt es dann eben eine hohe Anzahl an Abprallern und halb geklärten Durchbrüchen. Wir hatten vor der Saison schon die Befürchtung, dass der Mangel an strategisch guten Spielern noch zu einem Problem werden könnte, weil 96 eben jetzt als Favorit öfter strategische Entscheidungen auf dem Platz treffen muss. Schmiedebach ist einer, dann… tja. Fossum manchmal ein bisschen, aber auch noch nicht richtig, Maier ist keiner, Karaman nur bei Dribblings und wenn er sich fallen lässt ein bisschen, das passierte aber nicht so oft, weil er erst nicht spielte und dann wohl höher bleiben sollte. Sobiech kann das, kriegt aber – siehe schlechterer Spielaufbau – weniger Bälle und kann es deshalb nicht zeigen, Klaus ist quasi das Gegenteil von strategisch begabt, Harnik ist Stürmer und lebt beim Erzeugen von Durschlagskraft quasi ein bisschen von Hektik und leicht überdrehtem Tempo. Bakalorz und Sané sind beide keine, obwohl Bakalorz seine Sachen ordentlich macht und mit seinen guten Defensivdribblings gerade im engen Mittelfeld-Gewurschtel wertvoll ist. Sorg könnte das, aber der scheint leider aktuell irgendein mittelschweres Software-Problem zu haben, sein Timing im Pressing und Zweikampf ist zur Zeit ganz merkwürdig schlecht, obwohl er das in Freiburg immer sehr gut gemacht hat, und er ist mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Ordnen des Spiels.

Aber jetzt spielt 96 eben immer öfter mit dem Kopf durch die Wand zum Tor, egal wie aussichtslos es ist oder wie viel klüger es wäre, mal die Seiten zu wechseln, mal auf den Ball zu treten und erst zu gucken, oder eben mal einen Rückpass zu spielen (schon klar, die „Weltmeisterschaft im Quer- und Rückpass-Spielen“ will man in Hannover natürlich nie wieder sehen, wenn ich sowas will, mach ich ne Dönerbude in Ankara auf…). Warum ist das so geworden? Verletzungen sind beim Halten des spielerischen Niveaus sicher nicht hilfreich, und die zwischenzeitlichen Anpassungen, sich einfach über die Flügel mit dicken Überladungen durchzudrücken, waren ja in Ordnung. Aber auch eben nur als Übergangslösung, das sollte nicht der Weisheit letzter Schluss sein, weil 96 eben viel weniger gute Torchancen zu Buche stehen hat. Großchancen gibt es in der zweiten Liga generell nicht so viele, aber 96 hatte schon mal mehr als in den letzten Wochen. Gleiche Krankheit, anderes Symptom: Distanzschüsse. Schon klar, Sané lernt es nicht mehr, die Hoffnung kann man begraben. Aber Maier, Prib oder Klaus wird es schon beizubringen sein, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit bei einem Schuss aus mehr als 18 Metern, zumal nicht direkt zentral vor dem Tor, so unglaublich gering ist, dass sogar ein Fehlpass mit anschließendem Gegenpressing vermutlich die viel bessere Option ist. Heute zum Beispiel hat 96 ganze zwei Schüsse aufs Tor von innerhalb des Strafraums abgegeben. Richtig groß ist die Chance dann nicht, einen Zwei-Tore-Rückstand auszugleichen. Am größten ist die Wahrscheinlichkeit für ein Tor, wenn man innerhalb des Strafraums sogar nochmal einen zusätzlichen Pass spielt, statt sofort abzuschließen (geht natürlich nicht immer). Schon klar, zweite Liga und so, „wir sind nicht Bayern München“, vorne spielt eben nur der Möchtegern-Lewandowski und nicht der echte. Aber 96 will doch aufsteigen, oder nicht? Dann sollte man zumindest das mit dem Gebolze bleiben lassen.

Na gut, Salif, es sind 30 Meter und der Torwart hat freie Sicht, aber ja, versuch’s halt, wenn es dich glücklich macht… Führungsspieler machen das so.

Nach dem Spiel: Keine Ahnung, ob es wirklich so kommt, aber der Erfahrung nach schon: Immer der Albernotz, lässt sich da ausspielen wie ein E-Jugendlicher! Und dann Anton vor dem 0:2, völlig orientierungslos. Sorg hat keinen Zweikampf gegen Burgstaller gewonnen, ein Totalausfall. Sobiech nicht zu sehen, völlig unsichtbar. Wieviele Fünfen und Sechsen es in den Zeitungen mit zwei, drei und vier Buchstaben wohl geben wird… Alles nicht ganz falsch, aber eben auch ein bisschen sehr vereinfacht, und unser schlechter Ruf als ahnungslose Möchtegerne verbietet es uns, einfache Antworten hinzunehmen. Bei beiden Gegentoren rücken die Innenverteidiger (beim 0:1 Anton, beim 0:2 Strandberg) auf einen leicht zurückgefallenen gegnerischen Stürmer aus der Kette heraus, können den Ball aber nicht gewinnen, sondern er geht nach außen. 96 will viel angreifen, die Flügelspieler spielen hoch, dann ist der Außenverteidiger eben manchmal alleine. Und die Spieler sollen nach vorne verteidigen, da müssen dann Mitspieler von hinten manchmal Löcher auffüllen. Keine Ahnung, ob das von den Innenverteidigern auch explizit gefordert wird, müsste man vielleicht nicht machen, aber selbst wenn es keine Vorgabe sein sollte, lässt sich der Impuls vielleicht nicht immer unterdrücken. Auf dem Platz entscheidet der Spieler schließlich alleine.

Und ein defensives Eins-gegen-Eins um den oder im Strafraum ist völlig zurecht nicht gerade das, was man sich wünscht: Der Gegner guckt zum Tor, sieht seine Mitspieler und ist derjenige, der entscheidet was passiert. Manchmal hat er sogar noch die Szenendynamik mit gegenläufigen Bewegungen (so wie heute) auf seiner Seite. Der Abwehrspieler läuft hingegen rückwärts oder seitlich, sieht sehr wenig vom Spiel und muss mehr oder weniger immer nur reagieren. Das ist zwar ein Eins-gegen-Eins, aber in der Regel deshalb trotzdem längst kein 50-50. Manche Abwehrspieler sind darin ziemlich gut, manche eben etwas weniger. Selbst die guten verlieren das manchmal (Boateng gegen Messi?), man sollte eher verhindern, dass es so weit kommt. Aber man kann nicht alles verhindern, viele Sachen auf dem Fußballplatz passieren einfach. Insofern ist es ein bisschen dünn, sich auf solche buchstäblichen Zwei-Kämpfe zu stürzen, wenn man irgendwas bewerten möchte, zumal wenn man sich immer nur die zwei, drei großen, weil zufällig folgenreichen Szenen rausnimmt, und kleinere, im Prinzip ja gleiche, aber eben weniger folgenschweren Vergleichsfälle vergisst. Es gibt ja keine umgekehrte Kausalität: Es ist danach was gutes passiert, also war die Aktion davor per Definition deshalb sehr wichtig und richtig oder gar „entscheidend“. Der Pass ist ja im Moment des Tores oder Nicht-Tores schon gespielt, der hat mit dem Ausgang der folgenden Aktion nichts zu tun, wenn die Folgeaktion in ihrer Ausführung (!) unabhängig von der Vorbereitung ist.

Oder die Anton-Orientierung vor dem 0:2: Das kann man schon besser lösen, aber man sollte auch berücksichtigen, dass Anton die Bewegung zum ersten Pfosten macht, weil das der Raum ist, den Strandberg nicht mehr rechtzeitig besetzen zu können scheint, weil er eben vorher auf Matavz rausgerückt war. Es geht ziemlich schnell, wenn am Ende Matavz zum Beispiel von hinten auf den ersten Pfosten läuft und einköpfen kann (hat man schonmal gesehen, sowas), müsste man Anton den größeren Vorwurf machen, denn das Einlaufen ist in der Szene nicht unlogisch. Selbst wenn er sich zu Burgstaller orientieren würde, kann er das vielleicht nicht verteidigen, rückwärts springt es sich schlecht. Aber das ist hypothetisch und deshalb egal. Damit soll ja auch nicht gesagt werden, dass Anton und Albornoz schuldlos sind in der Torentstehung (wobei man sagen muss, dass Albornoz die Szene gegen Kempe vor dem 0:1 trotz negativen Ausgangs nicht ganz katastrophal verteidigt hat: er ist auf den Beinen geblieben, hat die Finten schnell gespiegelt, hatte einen recht guten Schwerpunkt, der Abstand und das Stellen waren eigentlich auch vernünftig). Stattdessen soll die Frage gestellt werden: Warum nicht einfach mal hinnehmen, dass mehrere Spieler aufeinander reagieren, es eigentlich sogesehen nur wenige wirkliche Einzelaktionen gibt und deshalb meistens nur Fehler innerhalb eines Zusammenhangs? Warum vergibt man zur Leistungsbewertung Schulnoten an Einzelspieler, die keine Einzelspieler sind, für Sachen, die sie nicht alleine machen? Das ist doch Käse.

Aber um zum Spiel zurück zu kommen: Meine Güte, der Schmiedebach heute mal wieder. Hat der auch nur einen Zweikampf gewonnen?

Kategorien: Taktik-Analyse
  • Jan Bratherig

    Danke Jaime. Endlich redest Du mal Tacheles. Da warte ich schon die ganze Zeit drauf.
    So wie 96 letzte Saison nicht derart hoffnungslos abgestiegen wäre mit einem vernünftigem Trainer anstelle von Frontzeck und Schaaf, so wenig steigt 96 mit Stendel auf. Und wer hier achtsam mitgelesen hat, der ahnte das und wusste das zum Teil schon vorher.
    Jaime, wenn Du 96 helfen willst, dann mehr wie heute. Das Problem bei 96 ist nach wie vor die mangelnde Sachkompetenz in Sachen Fußball. Martin Bader hat die nicht, Stendel hat die nicht, Madsack und Bild haben die nicht und der beste Mann, den 96 hat, Martin Kind, hat sie nicht, der muss sie aber eigentlich auch nicht haben.
    Martin Kind sollte sich von außen beraten lassen, verlässt er sich allein auf Bader, war es das mit dem Aufstieg. Jedenfalls muss ein neuer Trainer her und das SPÄTESTENS bis zur Länderspielpause.

  • AlbertC

    Tja, Stendel empfand ich als Nachfolger für Schaaf als einen Glücksgriff. Hat er doch gezeigt, dass man mit diesem Kader, der angeblich nicht konkurrenzfähig sein sollte, doch mithalten konnte, ferner hat er für einen Stimmungsumschwung gesorgt und hat Jugendspieler in den Fokus gerückt. Alles sehr verdienstvoll. Nur sein „ich habe Bock“ ging mir auf die Nerven. Ihn für das Projekt Aufstieg zu verpflichten, hielt ich dann aber für sehr gewagt. Ansonsten habe ich ja schon unter „Union Berlin“ geposted, dass ich der Meinung bin, dass Stendel dringenst abgelöst gehört, eher heute als morgen.

  • AlbertC

    Konkrete Frage: Wir haben aktuell vier Innenverteidiger: Sané, Anton, Strandberg, Felipe – potentiell sogar sieben mit Hoffmann, Hübner und dem Langzeitverletzten Hübers. Wenn man Sané als IV setzt, vermutlich wie bisher als linken IV, wen, Jaime, würdest Du dann als rechten IV nominieren? Von den genannten sieben sind ja alle bis auf Felipe „Rechtsfüßler“.
    Da ich ein Träumer bin, würde ich mir Felipe als linker IV und Sané als rechter IV wünschen. Keine Ahnung ob es dann noch einen Platz für Anton auf der sechs oder als rechter AV gäbe?
    Gegen Düsseldorf ist Anton übrigens gesperrt.

    http://www.transfermarkt.de/hannover-96/kader/verein/42/saison_id/2016/plus/1
    http://www.transfermarkt.de/hannover-96/ausfallzeiten/verein/42

    • Jaime

      Welcher Fuß wo sein sollte, ist von den Vorstellungen des Trainers abhängig, die kenne ich ja nicht.
      Allgemein finde ich: Anton-Sané > Anton-Strandberg > Anton-Felipe > Sané-Felipe > Strandberg-Sané > Stranberg-Felipe.
      Und Hoffmann als Sechser. Und Arkenberg auf der Tribüne.

  • you_never_walk_alone

    Ich sehe die Sache ganz einfach: Stendel muss aus diesem Kader das Optimum rausholen. Das ist in meinen Augen sein Job. Ich bin der Meinung, dass ihm das in den bisherigen elf Spielen nicht gelungen ist. – Aus die Maus.