Lars Stindl bei Borussia Mönchengladbach

Der beste und wichtigste Spieler deines Lieblingsvereins verkündet seinen Wechsel, und du denkst dir: „Na gut, dann gucke ich mir eben viele Gladbach-Spiele an. Da gibt’s besseren Fußball als bei 96 und die verlieren nicht ständig.“ Und nach ein paar Wochen denkst du: Es muss an dir liegen…

Stindl zu Gladbach – Das passt doch, oder?

Spätestens nachdem seine Mannschaft einfach nicht mehr gewinnen zu können schien und immer mehr dem Tabellenende entgegen taumelte, wurde klar, dass 96-Kapitän Lars Stindl im Sommer den Verein wechseln würde. Ab diesem Zeitpunkt kursierten im Prinzip nur zwei ernstzunehmende Gerüchte: Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach galten als stark interessiert, hatten beide Platz im Kader und waren natürlich auch in der Lage, die Ablösesumme in Höhe von drei Millionen Euro (*!*$**#*~* Ausstiegsklausel) nach Hannover zu überweisen. Wenn er schon geht und es wenigstens gut haben soll: Was soll er machen?

Die Beantwortung dieser Frage fiel aber schwer. Lars Stindl hat in seinen fünf Jahren bei 96 so viele Facetten und insbesondere seit seiner dauerhaften Umstellung ins zentraloffensive Mittelfeld so viele Qualitäten gezeigt, dass er eigentlich überall reinpassen müsste. Und es sagt sehr viel über Stindl aus, dass diese These auch zwei so grundverschiedenen Mannschaften wie Leverkusen und Gladbach standhält. Daher der erste Gedanke: Stindl in Leverkusens Hyperpressing-System, das mit extremer Intensität, viel Dynamik und trotzdem hohen taktischen Ansprüchen seinen Schwerpunkt auf das Spiel gegen den Ball legt, wäre ziemlich lässig. Stindl könnte prinzipiell auf mindestens drei der sechs vorderen Positionen des Leverkusener 4-2-2-2 auflaufen, als zentraler Mittelfeldspieler, als leicht hängender Stürmer (ideal?), oder vielleicht in einer weniger auf Tempodribblings ausgelegten Rolle als einer der beiden Zehner. In dem vor Aktivität gegen den Ball strotzenden Fußball von Roger Schmidt könnte er seine hervorragenden Qualitäten ohne Ball, seine Dynamik im Anlaufen, bei der er aber nie das Bewusstsein für den Deckungsschatten verliert, und die Intelligenz seiner Pressingbewegungen beweisen. Mit seinem Zug zum Tor, seiner Konstanz in engen Situationen und seiner gnadenlos effektiven Entscheidungsfindung im gegnerischen Strafraum würde er wohl auch das Leverkusener Angriffsspiel ziemlich bereichern, obwohl seine Tempostärke und Ballverarbeitung bei ganz rasantem Tempo nicht unbedingt den höchsten Ansprüchen genügen. Ein zentrales Mittelfeld Kramer/Stindl wäre vorstellbar!

Aber Stindl entschied sich für den Wechsel zu Borussia Mönchengladbach. Trotz seiner grundsätzlich zweifellos vorhandenen Eignung für das taktisch sehr anspruchsvolle Gladbacher Spiel standen ein paar offene Fragen im Raum. Der von Lucien Favre praktizierte Defensivstil ist ziemlich speziell, neuen Spielern wird einiges an Anpassungsfähigkeit abverlangt. Bei Ballverlusten verzichten die Gladbacher unter ihrem Schweizer Trainer weitgehend auf ein kollektiv angelegtes Gegenpressing, wie es in der Bundesliga zumindest theoretisch Standard ist, und lassen sich stattdessen so schnell es geht an den eigenen Strafraum zurückfallen. Dort treten die Fohlen dann meistens mit zehn Feldspielern hinter dem Ball in einer vertikal extrem kompakten Formation an und erfüllen ihre Defensivaufgaben sehr positionsgetreu. Dem Gegner wird viel Platz und Zeit gelassen – bis er sich den wirklich torgefährlichen Bereichen nähert. Die Borussia lässt zwar relativ viele Abschlüsse des Gegners zu, doch diese werden aus lauter Verzweiflung oft aus ziemlich aussichtslosen Positionen abgegeben oder kommen nur unter Druck zustande. Der Gegner darf zwar oft aufs Tor schießen, wo und wie das geschieht entscheidet aber immer Gladbach, und am Ende landet kaum einer dieser Abschlüsse im Netz. Dieses Spiel erfordert natürlich große Genauigkeit und eine gute Abstimmung, was es Neuzugängen nicht gerade leicht macht, sich schnell und gut einzufügen. Kleine Fehler können wegen der Nähe zum Tor sofort bestraft werden. Ein steter Erzeuger solcher kleinen, nicht selten auch größeren, Fehler im Defensivverhalten ist Granit Xhaka. In der sehr erfolgreichen letzten Saison, die den Gladbachern einen Platz in der Champions League sicherte, konnten seine unbedachten, nachlässigen Bewegungen im Mannschaftsverbund und seine generell nicht allzu intelligente Positionierung von seinem Nebenmann im zentralen Mittelfeld ausgebügelt werden. Doch mit dem Ende von Christoph Kramers Leihvertrag und seiner Rückkehr zu Bayer Leverkusen war diese extrem anspruchsvolle und wichtige Position vakant geworden. Stindl verfügt zwar wie sein Vorgänger über einen sehr großen Aktionsradius und die nötige Spielintelligenz, ist aber vom Grundsatz her ein offensiverer Spielertyp. Um neben Xhaka aufzuräumen und dessen Bewegungen abzusichern würde er nicht nur seine eigene Aktivität im Pressing gehörig drosseln müssen, sondern auch noch insgesamt defensiver und vorausschauender auftreten. Die Stärken im Pressing, die ihm in Leverkusen zu Gute gekommen wären, könnten sich bei Gladbach zu einem Problem entwickeln.

Doch Lars Stindl wurde von Gladbachs Manager Max Eberl auch deshalb verpflichtet, weil er nicht auf eine Position festgelegt ist. Da den Verein mit Max Kruse auch ein offensiver Schlüsselspieler verlassen würde, war der Ex-96er auch eine zusätzlich Option für den Angriff. Theoretisch kann Stindl auch im rechten Mittelfeld spielen, aber dass ihm diese Position nicht gerecht wird sollte unstrittig sein. Speziell für das Gladbacher Spiel mangelt es ihm an der Explosivität und Schnelligkeit, mit der die Flügelspieler die diagonalen Wege in die Spitze gehen und bei den typischen Borussia-Kontern zur echten Waffe werden. Dank der Rolleninterpretation der Stürmer gelingt unter Favre gewissermaßen die Quadratur des Fußball-Kreises: ein im Ballbesitz funktionierendes 4-4-2. Auf Grund der von den beiden Sturmspitzen verlangten Flexibilität und Spielstärke konnten sich die Gladbacher spätestens in der letzten Saison auch aus längeren Ballbesitzphasen heraus immer mehr Chancen erspielen und sind dem Status einer Kontermannschaft längst entwachsen. Stindl erfüllt natürlich dieses Anforderungsprofil und ist daher auch als „Neuneinhalber“, wie Favre die beiden Stürmer selbst bezeichnet, eine gute Option. Und trotzdem ist „Lars Stindl zu Borussia Mönchengladbach“ keine ganz unkomplizierte Angelegenheit: Er ist zwar ein ziemlich guter Spieler (wir nannten ihn einst den „besten Nicht-Weltklassespieler Deutschlands“), aber seine Idealposition oder seine bevorzugte Rolle gibt es im Gladbacher System unter Favre nicht. Er verfügt über Qualitäten, die auch Kramer und Kruse auszeichnen, kann aber natürlich keinen der beiden eins zu eins ersetzen. Das alles macht den Wechsel reizvoll: Stindl muss sein Spiel in dem sehr anspruchsvollen und vielseitigen System anpassen, während sich auch das Gladbacher Spiel insgesamt verändern wird.

Schnelle Eingewöhnung und ein erstes Ausrufezeichen

Vorher musste aber noch eine Position für Stindl gefunden werden. In der Saisonvorbereitung rotierte Lucien Favre viel, Stindl fand sich in verschiedenen Rollen wieder. Im zentralen Mittelfeld hielt er sich als Nebenmann von Marvin Schulz in der Offensive noch spürbar zurück und sicherte für die Gladbacher Nachwuchshoffnung ab. In Phasen des längeren Ballbesitzes trat er dafür dominanter auf und streute einige öffnende Pässe ein. Dabei zeigte sich bereits seine Weiterentwicklung in Sachen Übersicht und strategische Entscheidungsfindung, die in seiner Zeit als 96-Sechser noch nicht ausgeprägt genug waren. Mittlerweile hat Stindl offensichtlich deutlich mehr Zutrauen in sein Spiel gefunden und agierte bei den ersten Auftritten in seiner neuen Mannschaft zwar etwas zurückgenommen, aber dennoch aktiver und riskanter als noch in seiner Zeit als Mittelfeldstratege in Hannover. Gegen Ende der Vorbereitung wurde der 27-Jährige dann auch zunehmend als Stürmer neben Raffael aufgestellt und interpretierte diese Position natürlich etwas anders als Max Kruse. Doch auch Stindl ließ sich zum Unterstützen des Spielaufbaus sehr gut und weit zurückfallen, war in Kombinationen im Mittelfeld eingebunden und öffnete den diagonalen Weg für die Flügelspieler in den Sturm. Beim schnellen Umschalten hatte er allerdings etwas größere Probleme und zeigte Unsicherheiten in den Laufwegen. Während der Konter wirkte er zurückhaltend und zu passiv. Insgesamt machte er im Sturm einen guten Eindruck und die Position erschien nicht zuletzt wegen seiner generell offensiven Natur vielversprechend.

Seinen ersten Pflichtspielauftritt erlebte Stindl im DFB-Pokal gegen St. Pauli aber wieder als offensiver Sechser neben Granit Xhaka. Neben dem im Spielaufbau sehr dominanten und weiträumigen Schweizer mit dem Hang zur Selbstüberschätzung wurde Stindl in der ersten Ballbesitzphase wie erwartet weniger stark eingebunden. Leicht rechts versetzt hielt er sich im höheren Sechserraum auf und positionierte sich zwischen den kompakten Linien und Kettengliedern des Gegners, um Verbindungen zwischen dem abkippenden Xhaka und dem Angriff zu geben. In der Ballzirkulation wurde deutlich, dass er schon gut an das von Favre geforderte Spiel mit möglichst wenigen Kontakten, geringen Ballbesitzzeiten des einzelnen Spielers und kurzen Pässen angepasst war, wenngleich er das alles noch etwas zu zurückhaltend interpretierte. Spätestens nach der zähen ersten Halbzeit griff er aber auch stärker in das Angriffsspiel ein. Mit überraschenden vertikalen Pässen in die Schnittstellen sorgte er für Gefahr und rückte auch in einigen Szenen dynamisch in die letzte Linie auf. Dies gelang ebenso intelligent und bedacht, wie er überhaupt recht geschickt auch mit kurzen balancierenden Phasen bestach, wenn Xhaka weiter aufrückte oder ein Außenverteidiger herausschob. Im Pressing zeigte er sich insgesamt zwar gewohnt klug, konnte aber wegen der Eigenheiten des Gladbacher Spiels nur mit kurzen Rückwärtspressing-Aktionen erfolgreich werden, die für einige Ballgewinne sorgten. Sowohl die starke Leistung insgesamt, als auch die offensive Steigerung im zweiten Durchgang krönte Stindl dann mit zwei Toren und einer Torvorlage – kein schlechter Einstand. In der Schlussphase übernahm er zudem extrem viel Verantwortung im Pressing und auch etwas mehr im Spielaufbau. Mit wichtigen Balleroberungen konnte er während der sehr hektischen Schlussminuten enorm stabilisierend wirken und durfte nach dem Abpfiff berechtigtes Lob einstreichen.

Trotz dieses ersten sehr starken Auftritts bleibt nach dieser ersten Saisonphase noch genügend Steigerungspotenzial — und ein paar kritische Punkte sind festzuhalten. Im Ballbesitz fehlte den Gladbachern ein bisschen die Verrücktheit in der Vertikalität von Kramer, und auch Stindls Bewegungsradius aus dem Zentrum fiel noch gedämpft aus. In der Defensive deuteten sich im Zusammenspiel des gesamten Abwehrverbundes etwas größere Probleme an. Trotz vieler starker Aktionen über das ganze Feld verteilt wirkte Stindl für das Gladbacher Ballbesitz-Spiel phasenweise noch zu konventionell und blieb beim Kontern zu zurückhaltend. Mehr beschleunigende, unorthodoxe Elemente und von Stindl ausgehende Rhythmuswechsel hätten dem Spiel der Fohlenelf sehr gut zu Gesicht gestanden. Doch da im Gegensatz zum ehemaligen Hannoveraner der „Königstransfer“ Josip Drmic noch nicht hatte überzeugen können, blieb auch die Position im Angriff weiterhin eine gute Option für Stindl.

Die erste Krise: Für Stindl und die Mannschaft

Zum Auftakt in die Bundesligasaison wurden die neuen Gladbacher Probleme mit der veränderten Startelf erstmals auch im Ergebnis deutlich. Vor allem in der Defensive deckte die Dortmunder Borussia die noch längst nicht wieder hergestellte Harmonie und Kompaktheit der Fohlenelf gnadenlos auf. Das Zusammenspiel von Stindl und Xhaka im Zentrum war zwar nur eines der Probleme, aber vielleicht das größte und im Vergleich zur letzten Saison auch das auffälligste. Xhakas mangelndes Raumgefühl und seine mittelmäßige Positionierung im Spiel gegen den Ball konnte von Stindl oft nicht ausgemerzt werden, sodass etwas für Favre-Teams sehr untypisches geschah: Die Ordnung und Kompaktheit ging verloren, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden sehr groß und Dortmund konnte die mangelnde Abstimmung im Defensivverbund sehr gut bespielen. Das teilweise gleichzeitige Herausrücken der beiden zentralen Mittelfeldspieler erzeugte ein Loch vor der Abwehr und kappte zudem die horizontale Kompaktheit mit den Flügelspielern hinter dem Ball, sodass die Gegner sowohl den Zwischenlinienraum bespielen konnten, als auch durch relativ schnelle Flügelwechsel die schwache Breitenabdeckung der Fohlen-Defensive nutzten. Wenn die Favre-Spielweise gegen den Ball im Detail schlecht ausgeführt wird, verkehren sich ihre Vorteile ins Gegenteil und erzeugen viel Gefahr fürs eigene Tor: Vor allem die sehr spielstarken Dortmunder deckten dies auf, kamen in der torgefährlichen Zone oft sehr frei zu ihren Aktionen und entschieden das Spiel, wenn auch vielleicht ein Tor zu hoch, deutlich für sich. Einzelne Ballgewinne im Rückwärtspressing und gute Szenen, in denen Stindl die Offensivbewegungen seiner Nebenmänner balancierte, wurden am Ende vom unnötigen Ballverlust überlagert, der zum 3:0 führte.

Der Zustand von Stindls Einbindung in die Offensive und das Ballbesitzspiel der Gladbacher rückte erst gegen die weit weniger spielstarken Mainzer am zweiten Spieltag in den Mittelpunkt. Insbesondere in der ersten Halbzeit agierte er wie schon in der Vorbereitung zu zurückhaltend und setzte nur vereinzelte Impulse mit vertikalen Läufen und geschickten Drehungen zur Felderöffnung. Im Spielaufbau übernahm wie gehabt Xhaka die ballverteilende Rolle, während Stindl höher positioniert war und zwischen den gegnerischen Linien nach Verbindung zwischen der ersten Aufbaureihe und der Offensivabteilung suchte. Erst in der zweiten Halbzeit gab es dann deutlich mehr Aktionen zu sehen, in denen die Passwinkel zwischen ihm und Xhaka besser passten und er mehr Möglichkeiten nutzte, sich mit dem Ball am Fuß zu drehen und das Offensivspiel anzukurbeln. Dabei setzte sich der Trend fort, dass insbesondere in diesen Momenten des Aufdrehens das Zusammenspiel mit dem zurückfallenden Raffael gut funktionierte und diese Synergie mehrfach zu gefährlichen Aktionen im Angriff führte. Generell nahmen seine nachstoßenden Aktionen mit dem Ball am Fuß aus dem geordneten Spielaufbau heraus zwar zu, es hätten aber immer noch mehr sein können oder müssen. Seine bessere, von mehr Risiko und Zutrauen geprägte Einbindung in das Offensivspiel wurde dann mit einem neuerlichen Assist gekrönt, als Stindl den Ausgleichstreffer von Herrmann mit einem Pass am gegnerischen Strafraum einleitete. In der Folge gab es nach dem dargestellten Muster noch weitere Szenen von ihm im Angriff zu sehen, ein Tor gelang den Gladbachern trotz der deutlichen gestiegenen Offensivpräsenz Stindls allerdings nicht mehr. Am Ende musste das Heimteam noch den zweiten Gegentreffer hinnehmen und stand erneut mit leeren Händen da.

Vielleicht als Reaktion auf das stockende Angriffsspiel nahm Lucien Favre gegen Bremen eine Umstellung vor. Zwar brachte die Partie nicht den erhofften Ergebnis-Umschwung, war aber für Lars Stindl und seine Einbindung in das Gladbacher System ein kleiner Meilenstein. Erstmals wurde er in einem Pflichtspiel seiner neuen Mannschaft nicht als zentraler Mittelfeldspieler aufgeboten, sondern startete auf der „Neuneinhalb“. Im Ballbesitz war Stindls Zurückfallen weniger überraschend, etwas anders getimt und auch etwas weniger weiträumig als man es von Max Kruse gewohnt war. Dennoch wusste er dabei grundsätzlich mit seiner stabilen Entscheidungsfindung in den engen Zwischenlinienbereichen zu überzeugen und konnte zu ein paar guten Ballstafetten beitragen. Mit Stindl als Nebenmann änderte sich auch Sturmpartner Raffaels Rolle ein wenig. Der Brasilianer reduzierte sein eigenes Zurückfallen und blieb in höheren Zonen als Anspielstation. Das alles nutzte indes wenig, und die Gladbacher verloren auch ihr drittes Ligaspiel in Folge. Wie bei einem so schlechten Saisonstart üblich, wurde anschließend von der ersten Krise gesprochen. Dabei hatte die Favre-Elf zuvor zwar keineswegs an alte Leistungen anknüpfen können, war aber auch nicht so enttäuschend, als sie gegen Mannschaften wie Mainz oder Bremen zwingend hätte verlieren müssen. Das vielleicht auffälligste Problem lag eher in Details des defensiven Zusammenspiels, unter anderem zwischen den beiden Sechsern und den Flügelspielern. Mit Stindl als Nebenmann traten die Schwächen von Xhaka in defensiven Umschaltmomenten und im Spiel gegen den Ball deutlicher zu Tage, und statt sie auszumerzen verstärkte der 27-Jährige diese eher noch.

So sah es vor dem Heimspiel gegen Hamburg dann auch fast wie eine glückliche Fügung aus, dass nach Xhakas Platzverweis eines der Sorgenkinder nicht zur Verfügung stand. Die theoretisch vielversprechende Doppelsechs Stindl-Nordtveit erschien die logische Alternative. Doch die Gladbacher Krise und die Favre auf den ersten Blick lediglich angedichtete Ratlosigkeit kulminierte in der schwer nachvollziehbaren Entscheidung, Stindl auf dem rechten Flügel aufzustellen – während André Hahn neben Raffael im Sturm begann. Was auch immer sich der Schweizer Erfolgstrainer dabei gedacht hat (und er wird einen sehr konkreten Plan gehabt haben): Es ging in die Hose. Auf der Außenbahn traten Stindls Schnelligkeits-Defizite zutage und er fand kaum Anbindung an das allerdings auch recht unrunde Spiel der Fohlenelf. Plötzlich mutete die Beobachtung, Stindl laufe „wie die personifizierte Verunsicherung herum“ weniger boulevardesk an. Defensiv agierte die Mannschaft zwar insgesamt stabiler, die drei Gegentore fielen allesamt eher losgelöst vom Spielgeschehen (nach einem verunglückten Rückpass von Jantschke, nach einer Ecke und nach einem sehr weiten Drobny-Abschlag). Doch nun war vor allem die offensive Harmlosigkeit im Angriffsdrittel das spielentscheidende Problem der Favre-Elf. Es gelang weder ein stabiler Übergang in den Angriff aus dem Spielaufbau, noch konnten schnelle Angriffe effektiv vor das Tor gebracht werden. Stindl auf den rechten Flügel zu stellen war dabei nun wirklich nicht hilfreich.

Stindl-Positionen Favre

Stindl-Positionen unter Favre. Schön: Immerhin die Vereinsfarben sind gleich geblieben. Auch schön: Es fehlen nur noch acht, dann hätte sich die vor Jahren von einem Sky-Kommentator getätigte Prophezeihung „Elfmal Lars Stindl und du wirst Deutscher Meister“ endlich bewahrheitet.

Mit der Krise im Nacken stand der erste Ausflug in die Champions League unter ganz anderen Vorzeichen als geplant. Im Stadion des FC Sevilla, das Stindl noch in bester Erinnerung sein dürfte, verlor die Borussia nach einem zumindest soliden Start in der zweiten Halbzeit das Spiel. Das diesmal tatsächlich von Stindl und Harvard Nordtveit gebildete zentrale Mittelfeldduo konnte zwar dazu beitragen, dass die Defensive mit wenigen Ausnahmen sicherer stand und Sevilla aus der Überlegenheit nur eine große Chance ableiten konnte. Stindl selber übernahm in der viel am eigenen Strafraum stehenden Mannschaft eine etwas aktivere Rolle als sein Nebenmann und kam wie schon in den Partien zuvor vor allem im Rückwärtspressing zu ein paar wichtigen Ballgewinnen. Doch das gute Gegenpressing der Spanier und die schlecht ausgespielten eigenen Konteransätze hielten Gladbach nahezu im gesamten ersten Durchgang in der eigenen Hälfte. In der Offensive mangelte es der Borussia an Präsenz und Genauigkeit, Hazard bewegte sich als Stürmer etwas unpassend und schien nicht mit Raffael zu harmonieren. Der erste von zwei sehr frühen Elfmetern sorgte dann nach der Pause für den schnellen Rückstand und eine andere Spieldynamik. Nach dem dritten Strafstoß für die Gastgeber und dem daraus folgenden 0:2 wurde Stindl durch den eher verbindenden und weniger offensiv nachstoßenden Dahoud ersetzt. Doch auch damit ging keine große Steigerung einher. Stattdessen setzte Sevilla kurz vor dem Abpfiff mit dem dritten Treffer den Schlusspunkt unter ein aus Gladbacher Sicht verpatztes Auftaktspiel. Vor dem Lokalderby gegen den 1. FC Köln war die Stimmung nach der fünften Pflichtspielniederlage am Stück und einer Tordifferenz von 2:14 deutlich angespannt.

Der endgültige Tiefpunkt wurde aber erst nach der 1:0-Niederlage, bei der Lars Stindl 90 Minuten auf der Ersatzbank saß, und vor allem durch den überraschenden, einseitigen Rücktritt Lucien Favres erreicht. Der Architekt der erfolgreichen Vorjahre, der den Verein erst vor dem drohenden Abstieg bewahrt und danach in vergangen geglaubte Höhen geführt hatte, sah sich nicht mehr in der Lage seine Mannschaft aus der Misere zu führen. Interimsweise, so zumindest die offizielle Sprachregelung, übernahm der bisherige U23-Trainer André Schubert die Mannschaft in dieser wichtigen Phase.

Mehr Aktivität und Erfolg nach dem Trainerwechsel

Schubert musste die Mannschaft auf das zwei Tage später anstehende Spiel gegen Augsburg vorbereiten und hatte somit keine Zeit für große Veränderungen. Bei seiner Vorstellung kündigte er aber an, unter anderem ein aktiveres Defensivspiel zu forcieren. Kleine Anpassungen sorgten in Kombination mit dem nach wie vor sehr guten taktischen Fundament aus der Favre-Ära dann für einen furiosen Start. Gladbach ging gegen den Ball zupackender vor, agierte im Pressing konstant höher und erzeugte mit einzelnen Mannorientierungen auch mehr Zugriff. Mo Dahoud wurde neben dem etwas weniger häufig zentral abkippenden Xhaka eingesetzt – und Lars Stindl startete wieder im Angriff neben Raffael. Von dort war er gewohnt umtriebig und nahm mit der Zeit wie sein Sturmpartner auch aktiver am Spielaufbau teil, den er vor allem im rechten Halbraum ankurbelte und unterstützte. Im Angriffsspiel trat er dann eher wie ein Zehner auf. Er drängte weniger stark in die letzte Linie und spielte mit seiner etwas tieferen und zentralen Position im Angriff eine wichtige Rolle für das deutlich aktivere und kollektivere Gegenpressing seiner Mannschaft. Das dauerhaft höhere Pressing seines Teams, die offenere Formation gegen den Ball und die höhere Aggressivität innerhalb der Formation gaben ihm mehr Raum für dynamisches Anlaufen und die schon im zentralen Mittelfeld gesehenen Balleroberungen. Insgesamt zeigte er wie die gesamte Fohlenelf eine sehr gute Leistung, die aber mit vier Toren in etwa 20 Minuten etwas zu hoch belohnt wurde. Vor zwei Treffern war er gut in die Kombinationen eingebunden und arbeitete sich auch sein eigenes, sehr sehenswertes Tor selber heraus. Dieses erste Spiel unter dem neuen Trainer deutete bereits an, dass Stindl als Stürmer die von Schubert stärker in den Mittelpunkt gerückten Ballbesitz-Prinzipien von Läufen aus der Tiefe im Spielaufbau und dem Öffnen von Räumen für andere prinzipiell sehr entgegenkommen.

Tor_FCAI

Das angesprochene schöne Tor. Man sieht schon in der Entstehung Stindls tiefe Position im Spielaufbau. Raffael und Johnson (vorher an der linken Seitenlinie) kreuzen, was für Hong kurzzeitig zum Problem wird und Stindl nach vorne ein bisschen Platz verschafft.

Tor_FCAII

Stindl erhielt den Ball von Wendt und rückt ein paar Meter auf. Wendt zieht nach innen und bindet Hong/Verhaegh, den geöffneten Passweg auf den – siehe erste Szene – nach außen ausgewichenen Raffael bedient Stindl im richtigen Moment.

Tor_FCAIII

Raffael nimmt den Ball kurz mit, Stindl stößt in den Strafraum nach. Dann setzt sich Stindl aber wieder kurz nach hinten ab, erhält Raffaels Ablage und schlenzt den Ball in den langen Winkel. Das waren noch Zeiten, als er dieses Tor für 96 erzielt hat…

Für weitergehende Umbaumaßnahmen blieb Schubert aber nicht viel Zeit, da schon drei Tage später das nächste Ligaspiel gegen Stuttgart anstand. An den grundsätzlichen Abläufen änderte sich im Vergleich zur Partie gegen Augsburg daher wenig. Lediglich im Spielaufbau wurde die Struktur angepasst, indem Stindl und Raffael teilweise gleichzeitig tiefer positioniert waren. Oft rückte dafür aber nur Herrmann vom Flügel in die Spitze, sodass ein eher rechtslastiges Spiel erzeugt wurde. Auf dieser Seite gab es dann ein paar pendelnde Bewegungen zwischen den Spielern zu sehen, mit denen wie von Schubert gewünscht füreinander Räume geöffnet wurden. Stindl selbst war im ballorientierten Zurückfallen etwas weniger aktiv und weiträumig als noch gegen Augsburg. Zwar konnte Gladbach am Ende einen 3:1-Sieg einfahren, war dabei aber nicht so überlegen wie es das Ergebnis aussagt. Die nach wie vor eher geringfügigen Detail-Anpassungen unter Schubert führten zusammen mit dem in den ersten Saisonspielen noch vermissten Glück und mehr Zielstrebigkeit im Angriffsspiel trotzdem zum zweiten Sieg im zweiten Spiel unter dem neuen Trainer.

Ballbesitzposition und ZweiterBall_VfB

Man sieht die in den letzten Spielen etwas häufiger zu beobachtende Aufbaustaffelung bei Gladbach mit Stindl und Raffael im Achterraum.

Ballbesitzposition und ZweiterBall_VfBII

Was man auch schon gesehen hat: Stuttgart presst ziemlich gut. Christensen will den Ball zu Korb spielen, doch Kostic erobert das Spielgerät und rennt wie üblich erstmal los. Stindl lässt sich von Korb überlaufen und…

Ballbesitzposition und ZweiterBall_VfBIII

… lässt ihn die Arbeit machen, um dann im richtigen Moment den Ball im Rückwärtspressing zu erobern. Ähnliche Szenen sieht man von ihm im Prinzip häufiger. Was man auch angedeutet sieht: Das aktivere Gegenpressing der gesamten Mannschaft (Dahoud, Xhaka, Korb).

Im Gegensatz zum Auftakt in der Champions League konnte die Borussia das zweite Gruppenspiel gegen Manchester City also mit deutlich mehr Schwung und Zutrauen in die eigene Stärke angehen. Dem individuell überlegenen Gegner bot die Schubert-Elf lange Zeit Paroli und verursachte ausnahmsweise keinen Strafstoß. Stattdessen bekam sie selbst in Person von Raffael einen Elfmeter zugesprochen, der allerdings höchst umstritten war und nicht zur Führung genutzt wurde. Unter dieser Entscheidung hatte dann ein paar Minuten später Stindl zu leiden, als er fälschlicherweise für eine angebliche Schwalbe im Strafraum verwarnt wurde. Überhaupt zeigte der ehemalige Hannoveraner eine starke Leistung und überzeugte mit einer sehr hohen Arbeitsrate vor allem über die rechte Seite. Doch im Angriffsdrittel agierte er über weite Strecken der Begegnung recht unglücklich und konnte in der Endphase der guten Angriffe, die er oft selbst maßgeblich eingeleitet hatte, nicht mehr eingebunden werden. In einer Szene gelang dies nach einem schnellen Angriff allerdings, und Stindl demonstrierte prompt eine seiner großen Stärken: Mit einem überlegten Flachschuss nutzte er seine im Prinzip erste richtige Torchance zur Führung. Manchester fand erst spät in einen besseren Ballbesitzrhythmus und trat weiterhin nicht sehr überzeugend auf. Doch der Dauerdruck auf die nun wieder tiefer stehenden Gladbacher führte zum Ausgleich durch ein Eigentor. Mit dem Siegtreffer per Elfmeter in der Schlussminute war dann der erste kleine Dämpfer für Gladbach und Stindl trotz einer sehr guten Vorstellung und dem ersten Champions-League-Tor besiegelt. Der grundsätzlich positive Trend in den letzten Wochen konnte davon dennoch nicht getrübt werden.

Das bislang letzte Ligaspiel gegen Wolfsburg dient als gutes Anschauungsmaterial für das Gladbach-Spiel unter Schubert und auch für Stindls neue Rolle. Im Spielaufbau unterstützte er wieder etwas weiträumiger und vor allem nicht mehr nur vorrangig auf der rechten Seite seine Mitspieler. Immer wieder tauschte Stindl nicht nur im Pressing mit Raffael die Positionen und verzeichnete viele Ballkontakte in der Zone zwischen dem Flügel und dem Zentrum, mit denen er seinen offensiven Mitspielern ermöglichte, auf verschiedene Weise zu rochieren und das mannorientierte Spiel der Wölfe zu knacken. Was sich bereits in den ersten Spielen unter Schubert andeutete, setzte sich auch im weiteren Angriffsvortrag fort: Wenn die Kollegen in der Offensive mehr Tempo aufnehmen und sich nach vorne bewegen, bleibt Stindl oft etwas zurück und wirkt eher wie ein Zehner. Aus seiner zentralen Position kann er dann abgewehrte Bälle aufsammeln, oder mit öffnenden Pässen mehr von seinen strategischen Fähigkeiten zeigen, wenn der Angriff abgebrochen werden muss. Im Gegensatz zu seinen Auftritten im zentralen Mittelfeld unter Favre gelingt auf diese Weise auch eine konstantere und gefährlichere Einbindung seiner Offensivstärke. Stindl stößt jetzt im Idealfall erst verzögert und mit mehr Tempo in den Strafraum nach, anstatt mit dem Ball selber aufzurücken. In der torgefährlichen Zone ist er mit seinen dynamischen Läufen dadurch schwerer zu verteidigen und kann mehr Impulse setzen. Zwar reichte es gegen Wolfsburg in einem von Gladbacher Seite insgesamt ordentlichen Spiel nicht für ein Stindl-Tor. Aber mit einem schönen öffnenden Pass bereitete er das 2:0 durch Traore vor – und das sogar im Umschalten.

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Der Halbraumstürmer (hoffentlich setzt sich das durch). Quelle: Whoscored

Der doppelte Neuanfang ist geglückt

Nach einer vielversprechenden Vorbereitung kamen sowohl Stindl als auch sein Team zum Start der Bundesliga gehörig aus dem Tritt. Stindls mangelhafte Einbindung und seine schlechte Abstimmung mit Xhaka trugen ihren Teil dazu bei, dass Favres Mannschaft nicht an alte Zeiten anknüpfen konnte. Stindl wurde als Krisenmaßnahme hin und her geschoben, ohne auf einer der drei Positionen dauerhaft über gute Ansätze hinaus zu kommen. Nachdem der 27-Jährige erst auf dem rechten Flügel aufgeboten wurde und danach sogar ganz auf der Bank landete, war ein Trainerwechsel alternativlos. Nach dem Trainerwechsel änderte sich einiges, obwohl nur Detail-Anpassungen vorgenommen wurden: Gladbach spielt dank einer insgesamt aktiveren Strategie, dem zurückgekehrten Spielglück und ein paar ersten effektiven Offensivabläufen erfolgreicher und stabiler, während Stindl als flexibler Stürmer mit guter Einbindung in den Spielaufbau konstant gute Leistungen zeigt. Also ist auch der Start unter dem neuen Trainer zunächst einmal geglückt. Inwiefern sich das Spiel der Borussia nach der Länderspielpause verändert und welchen Einfluss dies auf den ehemaligen 96-Kapitän haben wird, wird spannend zu beobachten sein. Fünf Tore und zwei Vorlagen trotz zwischenzeitlich eingeschränkter Leistungsfähigkeit sind aber nicht nur eine sehr sehenswerte Bilanz, sondern deuten auch darauf hin, dass Lars Stindl und Borussia Mönchengladbach noch längst nicht am Ende der Möglichkeiten angelangt sind. Wenn man Lars Stindl in den ersten Monaten bei seinem neuen Verein beobachtete und ihm zusah, wie er sich mit den gestiegenen taktischen Anforderungen und vor dem Hintergrund der schwierigen Momente in einem neuen fußballerischen Umfeld bewegte, kam ein bekannter Gedanke aus vielen Spielen in seiner Zeit bei 96 immer wieder hoch: Der Mann weiß wohl manchmal selber gar nicht, wie gut er eigentlich ist.

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