Darmstadt 98 – 96 2:1

In der zweiten Runde des DFB-Pokals ging es wie schon vor ein paar Wochen nach Darmstadt. Hiroshi Kiyotake befiel schon vor dem Anpfiff die Müdigkeit, sodass beide Mannschaften mit recht deutlichen Startelfänderungen um den Einzug in die nächste Runde kämpften – und tatsächlich eher kämpften als spielten.

Schusters wenig schmeichelhafte Pressing-Anpassung

Dirk Schuster passte die Pressing-Struktur seiner Mannschaft auf eine Weise an, die für Hannover 96 und Michael Frontzeck kein allzu großes Lob darstellt: Während die beiden höchsten Spieler in gängigen 4-4-1-1 oder 4-4-2-Formationen auf das Zustellen des Zentrums und die Kontrolle des Sechserraums ausgerichtet sind, machten Sandro Wagner und Jan Rosenthal genau das nicht. Der Grund dafür ist simpel: 96 baut eh nicht durchs Zentrum auf. Durch die recht breite Pressing-Doppelspitze wurden stattdessen die Passwege von den Innenverteidigern in die Halbräume verstellt, sodass Felipe und Schulz meistens nur der direkte Weg auf die Flügel blieb – oder natürlich die Standardvariante des Hit&Hope, das „Hail Mary“ des aktuellen 96-Fußballs, von dem auch in dieser Begegnung selbstverständlich exzessiver Gebrauch gemacht wurde. Im Gegensatz zu den bisherigen Partien gab es allerdings auch im Spielaufbau der Roten gewisse Veränderungen: Nicht etwa Salif Sané war die dominante Figur im Aufbau, sondern er überließ den Part des zentral abkippenden Ballverteilers überwiegend dem fähigeren Schmiedebach und bot sich nur vereinzelt seitlich an. Der Franzose fiel vor allem in der Anfangsphase nicht nur mit einer höheren Grundpositionierung im Ballbesitz, sondern auch mit vertikalen Läufen in die Spitze auf, um die isolierten Mitspieler auf dem linken Flügel zu unterstützen und durch Nachstoßen das Böllenfalltor-Bollwerk zu knacken. Leon Andreasen und Allan Saint-Maximin agierten auffallend ballfordernd und ließen sich weit ins Mittelfeld zurückfallen, um Verbindungen nach vorne zu geben. Darmstadts Defensivstrategie bestand aber nicht nur im Verteidigen durch den Deckungsschatten in der vordersten Reihe, sondern auch im (allerdings üblichen) mannorientierten Anlaufen dahinter. Gondorf, Niemeyer oder der jeweilige Flügelspieler rückten auf die Außenverteidiger, Leon Andreasen im rechten Halbraum, den aus seiner höheren Stellung zurückfallenden Sané oder Saint-Maximin heraus und würgten damit Hannovers flache Aufbauversuche ab.

Darmstadt_BB96

Darmstadts Defensivplan: Mit dem Deckungsschatten verteidigen und mit Mannorientierungen abwürgen. Niemeyer eher stabilsierend und absichernd, Gondorf deutlich aktiver. Rechtsüberladungen bei 96 wie schon im Ligaspiel im Prinzip gar nicht übel, aber nunmal schlecht ausgespielt. (Erdinc hätte noch einen Pfeil Richtung Zehnerraum verdient gehabt, aber da ist kein Platz mehr.)

In einer Szene überraschte Schmiedebach die Lilien allerdings mit einem Dribbling zwischen den beiden breiten Pressingspitzen hindurch, doch der Angriff versandete bei Felix Klaus auf dem linken Flügel. Die besten Szenen im Ballbesitz hatten die Roten ohnehin in den ersten Spielminuten, als es wegen Saint-Maximins Ausweichen und Schmiedebachs Herüberschieben zu leicht chaotischen Überladungen des rechten Flügels kam, bei denen sich Erdinç als Wandspieler aus der Abwehr löste und dabei von Caldirola oder Sulu verfolgt wurde. Doch die Darmstädter verfügen über eine weitaus größere Expertise im Umgang mit ungeordneten und hektischen Ballungen im Kampf um den Ball, sodass sich 96 auch aus diesen im Ansatz ordentlichen Staffelungen nicht in die torgefährlichen Bereiche spielen konnte. Als 96 im Lauf der Halbzeit zunehmend zur bekannten breiten Angriffslinie überging, dominierten wieder lange Bälle auf die Flügel, die reihenweise im Seitenaus landeten oder von Darmstadt entschärft und zum schnellen Gegenstoß verwertet wurden. Dabei zeigte die Schuster-Elf ein paar gute Angriffe mit Ablagen-Nutzung und holte über ihre schnellen Flügelspieler einige Eckbälle heraus. Nach einem solch abgewehrten kam Heller erneut zum Flanken, und Zieler musste sich nach Rosenthals Kopfball strecken, um den Rückstand zu verhindern. Darmstadt versuchte anschließend mit den üblichen Mitteln, zum Torerfolg zu kommen. Jeder Ball wurde lang nach vorne geschickt, wo ihn Rosenthal auf Wagner weiterleiten sollte und sich die Mittelfeldreihe gut auf den zweiten Ball staffelte. Brachte nur Halbchancen ein, aber immerhin mehr als bei 96.

Mehr Rosenthal, (bisschen) mehr Fußball

In der zweiten Halbzeit sorgten kleine Änderungen, Zufälle und eine Häufung kleinerer Szenen, in denen sich das Spielglück mehr auf die Seite der Darmstädter zu schlagen schien, für eine leichte Dominanz der Gastgeber. Rosenthal wurde insgesamt noch etwas aktiver und konnte auch mit etwas Glück ein paar lose oder Bälle oder Abpraller aufsammeln, die er dann mit schönen Pässen und guten Ideen zu ein paar vielversprechenden Umschaltangriffen verwertete. So waren die Lilien gefühlt etwas überlegen, konnten aber wie schon in der ersten Halbzeit zu selten Heller in Szene setzen, um wirklich gefährlich zu werden (und wenn verteidigte ihn der vielgescholtene Albornoz weiterhin gut). Wenig überraschend also, dass ein Standard zur Führung herhalten musste. Zieler konnte Wagners Kopfball-Bogenlampe nur gegen den Innenpfosten lenken, Sulu bedankte sich bei den abschaltenden 96-Spielern und schob ein. Sehr überraschend war allerdings, was anschließend passierte: 96 schoss ein Tor. Vom Anstoß weg spielte Schmiedebach auf Sakai, dessen langer Ball am Strafraumeck landete und vom gerade eingewechselten Sobiech, der Caldirola abgeschüttelt hatte, über Mathenia hinweg zum postwendenden Ausgleich versenkt wurde. Mit Kiyotake im Zentrum und Saint-Maximin über die linke Seite versuchte sich 96 an Flügelangriffen, wurde aber zunehmend noch hektischer. Die phasenweise nicht mehr ganz so schlimmen Staffelungen im Ballbesitz aus der ersten Halbzeit waren kaum noch zu sehen. Eine schlecht verteidigte Ecke führte dann zur neuerlichen Darmstädter Führung, die bis zum Abpfiff Bestand hatte. Eigentlich war das Spiel aber ohnehin knapp zehn Minuten vor Schluss schon gelaufen, als mit Schmiedebach und Rosenthal die beiden Akteure zugunsten brachialerer Gestalten den Platz verlassen mussten, die allein bis dahin für deutlich mehr Fußball gesorgt hatten als die übrigen 20 Spieler beider Mannschaften.

P.S.: Manu Schmiedebach und Jan Rosenthal sind ziemlich gute Fußballer. Und 96 liegen Spiele wie gegen Darmstadt, die sich eher über die arbeitende, physische, ist-nicht-so-schlimm-wenn-sich-da-gerade-mal-niemand-freiläuft-Komponente des Spiels definieren, deutlich besser, als normaler Fußball. 249 lange Bälle sind des Guten dann aber doch ein bisschen zu viel. Außerdem kann Darmstadt das eben besser, also verliert man so ein Spiel eher, als dass man es gewinnt.

Kategorien: Taktik-Analyse
  • Ich wollte das schon immer mal sagen:

    Boah ey, da spielt ja mein Kickertisch besser, wenn keiner dran steht.

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  • AlbertC

    Diesen Post aus dem 96-Forum möchte ich an dieser Stelle bekanntgeben, gerade angesichts des Heimspiels gegen Darmstadt. Dass demjenigen, dem geantwortet wird, die Ironie entgeht, steht auf einem anderem Blatt.
    http://forum.hannover96.de/viewtopic.php?p=4953945#p4953945

    http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/vereine/1-bundesliga/2015-16/sv-darmstadt-98-98/vereintransfers.html
    Stimmt, hat Frontzeck ja vor dem Pokalspiel genauso zum Besten gegeben.
    10 Abgänge: Exslager, Bregerie, Behrens, Sauß, Fröhlich, Bachmann, Firat, Balogun, König, Komenda
    9 Zugänge vom 24. Juni bis 29. September: Vrancic, Rausch, Caldirola, Junior, Niemeyer, Wagner, Garics, Zaluska (Torwart), Rajkovic (3 mal eingewechselt)
    z.B.:
    Garics (14. August) kam einen Tag vor dem Spiel gegen 96. Saß dort bereits auf der Bank und spielte dann 15 mal in der Startelf. Aufgrund von 5 gelben Karten
    verpaßte er seinen 16. BL-Einsatz bisher.
    Brauchte halt viel Zeit, sich einzugewöhnen und einzuspielen – so was geht nicht von einem Tag auf den anderen…

    Wagner (6. August) kam 7 Tage vor dem Spiel gegen 96, fehlte daher im Pokal.
    Wurde gegen 96 eingewechselt. Machte insgesamt 16 BL-Spiele, davon 12 in der
    Startelf. Das 17. verpasste er aufgrund seiner 5. gelben Karte.
    Niemeyer (3. August) kam 12 Tage vor dem Spiel gegen 96. Machte 16 BL-Spiele in
    der Startelf. Das 17. Spiel verpasste er wegen seiner 5. gelben Karte.
    Junior (29. Juli) hat 9 BL-Spiele, davon 8 in der Startelf.
    Caldirola (15. Juli) hat 17 Spiele in der Startelf.
    Rausch (6. Juli) hat 16 BL-Spiele, davon 14 in der Startelf.
    Vrancic (14. Juni) hat 7 BL-Spiele, davon 5 in der Startelf

    Das vergleiche man nun mal mit 96 und Frontzeck, der uns einzureden
    versuchte, dass Darmstadt eine seit Jahren eingespielte Truppe habe und
    nicht so einen Umbruch wie 96 zu verkraften habe.
    „Darmstadt ist im dritten Jahr mit derselben Mannschaft unterwegs.“

    (Link springt nach der Werbung auf diese Stelle) Für diese Antworten
    und sein Grinsen, könnte ich ihm heute noch links und rechts…
    Dass es danach noch Leute gab, die ihm die Stange hielten, ist mir
    unbegreiflich. Ebenso wie die Leute, die das heute noch nachplappern. Er
    hätte antworten müssen: „Darmstadt liefert eine wesentlich bessere und
    professionellere Arbeit als 96 ab.“
    Beim 2:1 gegen 96 im Pokal standen mit Sulu, Gondorf und Heller 3 Spieler bei Darmstadt in der Startelf, die seit dem 1.7.2013 unter Vertrag stehen, alle anderen kamen später.

    Von 8 Feldspielern, die auf den letzten Drücker gekauft worden sind, gehören de facto 6 zur Startelf bzw. 7 zum BL-Kader. Mit Bregerie und Behrens mussten sie zwei Leistungsträger abgeben, dazu mit Balogun und König zwei Stammspieler.