96 – Hertha BSC 1:1

Spät in Führung gegangen, spät den Ausgleich kassiert, wieder nicht gewonnen. Hannover und Berlin eröffnen den gefühlt dreihundertsten Spieltag, an dessen Ende 96 wieder nicht gewonnen haben wird. Trotz ein paar vielversprechender Ansätze gegen das Berliner Mauerwerk, viel Engagement und spielerischer Dominanz gelingt es den Roten nicht, die defensiv sehr stabilen Hauptstädter zu bezwingen. Und wenn 96 mal mit etwas Glück einen Ball reinwurschtelt, scheint all der positiv besetzte Zufall zu Gunsten Hannovers aufgebraucht zu sein. Nicht mal glücklich und ansatzweise unverdient kann 96 noch gewinnen – beim Blick auf die Methoden der anderen Mannschaften im unangenehmen Bereich der Tabelle wirft das die Frage auf, wie die Konkurrenz mit dieser Vorlage umzugehen gedenkt. Fest steht jedenfalls: Freitagabend-Spiele machen nur Spaß, wenn man am Samstag nicht auf Niederlagen der anderen hoffen muss.

Grundformationen. 96 wieder mit dem Standard der letzten Begegnungen, das je nach Mikroanpassungen zwischen 4-4-2, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelt. Heute eher irgendwas dazwischen, völlig wurscht wie man das bezeichnet.

Grundformationen ungefähr. 96 wieder mit dem Standard der letzten Begegnungen, das je nach Mikroanpassungen zwischen 4-4-2, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelt. Heute eher irgendwas dazwischen, völlig wurscht wie man das bezeichnet. Hat ein paar Vorteile, so richtig warm werden wir damit aber nicht unbedingt. Vor allem, weil ein kleiner Fußballgott fehlt.

Die erste Halbzeit

96 startete enorm dominant und engagiert in die Begegnung. Mit einer hoch stehenden Abwehr und intensivem Druck auf zweite Bälle drückte 96 die Berliner innerhalb der ersten zehn Minuten konstant in die eigene Hälfte und agierte klar spielbestimmend. Waren bei den ersten Angriffen noch gut eingesetzte lange Bälle auf die Flügel das Mittel der Wahl, die enorm kompakt auftretende Hertha zu knacken, verlagerte sich der Ansatz Hannovers immer mehr aufs Spielerische. Gegen das ausschließlich auf vertikale Kompaktheit bedachte 4-4-2-0/4-2-4-0 der Hauptstädter, in dem sie 96 frühestens wenige Meter vor der Mittellinie erwarteten, versuchte 96 sich selber Räume zu schaffen. Mit den gewohnt tief angebundenen Außenverteidigern, den zunächst relativ symmetrisch in den Halbräumen positionierten Stindl und Kiyotake sowie mindestens einem breit stehenden Flügelspieler betonte 96 im Spielaufbau die Breite der eigenen Formation. In der Hoffnung, so die Staffelung der Berliner auseinanderzuziehen, sollte dann mit nachstoßenden Läufen der zentralen Akteure ein Mittel gegen die extrem eng stehende und unangenehme gegnerische Mannschaft gefunden werden. In der Anfangsphase der Begegnung funktionierte diese Herangehensweise auch tatsächlich sehr gut. Durch eine sehr weiträumige und recht gut eingesetzte unterstützende Rolle Ya Konans im zweiten Drittel bei gleichzeitig hoher Abdeckung der Horizontale gelang es Hannover, immer wieder in den kompakten Berliner Block einzudringen und auch angesichts der ballnah enorm intensiv auftretenden Gäste die Kombinationen aufrecht zu halten. Vor allem der in der zweiten Phase des Ballbesitzes etwas tiefer verbleibende Kiyotake konnte seine technische Überlegenheit auf engem Raum so einige Male sehr gut ausspielen, wenn er den Ball vom Flügel erhielt und sich dann gegen die anstürmenden Gegenspieler auf dem Weg in Richtung des Zwischenlinienraums behaupten konnte. In der Folge gelangte 96 ein paar Mal gut in den sehr kleinen Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld, von wo der letzte Pass gesucht wurde.

Der Durchbruch in das letzte Drittel erfolgte in dieser Phase am stabilsten über die rechte Seite. Hiroko Sakai rückte in den richtigen Momenten linear auf und erzeugte im Zusammenspiel mit dem zu Beginn stark aufspielenden Jimmy Briand ein paar sehr gute Szenen, mit denen 96 zur Grundlinie durchkam – höchst erfreulich, dass von dort nicht eine einzige hohe Flanke in den Strafraum segelte, sondern ausschließlich flache Wege in den Rückraum anvisiert wurden. Zwar war 96 auf dem dargestellten Weg hochüberlegen gegen gut verteidigende Berliner, zeigte ein paar ansprechende Passstafetten in Folge sinnvoller Anpassungen an den Gegner und schaffte auch den Übergang ins Angriffsdrittel – die ganz großen Tormöglichkeiten ergaben sich aus dieser Dominanz jedoch nicht. Berlin kam allerdings kaum zur Entfaltung und war mit viel Abwehrarbeit und dem Schaffen ballnaher Überzahlen im Mittelfeld beschäftigt. Solomon Kalou beteiligte sich wie üblich kaum an dieser Form von Arbeit und hielt sich stattdessen klassisch auf Konter lauernd in höheren Zonen auf. Die Berliner brachten zu Beginn jedoch nichts durch, sodass Weltmeister Zieler seinen ersten Ballkontakt erst in der zwölften Minute zu verzeichnen hatte.

Nach dieser von 96 sehr gut und leidenschaftlich geführten Anfangsphase entschleunigten die Hertha dann das Geschehen. Sie positionierten sich noch ein paar Meter tiefer in der eigenen Hälfte und nahm so ein wenig vom Druck des 96-Aufbaus. Die Roten andererseits reagierten auf diese leichte Anpassung nicht gut. Auch die Berliner Flügelspieler traten vielleicht ansatzweise etwas tiefer auf als zuvor. Teilweise befanden sich innerhalb der gesamten Hertha-Formation nur zwei oder drei 96-Akteure, der Großteil der Hannoverschen Mannschaft hielt sich in der letzten Linie oder vor dem höchsten Berliner auf. Statt wie zuvor mit kurzen Pässen und darauf abgestimmten Läufen durch die Berliner Mauer zu brechen, versuchte 96 zunehmend, den kompakten Hertha-Block mit vertikalen Pässen zu penetrieren. Da wie gesagt die Anspielstationen zwischen den Zonen mit den meisten Hannoveranern in dieser Phase des Spiels rar gesät waren, war es für die Berliner ein Leichtes, die Zuspiele der Aufbauspieler abzufangen und ihrerseits schnell umzuschalten. So gestatteten die Hausherren dem sich bis dahin kaum aus dem Druck befreienden Gegner, auf einfachem Weg ins Spiel zu finden und für durchaus gefährliche Szenen bei Kontern zu sorgen. Das Spiel wurde deutlich offener, was maßgeblich eine Folge der immer schlechter werdenden Entscheidungsfindung der 96-Spieler im Passspiel war. Vor allem Salif Sané suchte im Aufbau viel zu eindimensional den Weg in das massierte Zentrum und auch die übrigen Mittelfeldakteure konnten im zweiten Drittel einfachste Kurzpässe nicht zum Mitspieler befördern. Die plötzlich auftretende Ignoranz der Breite und die übertriebene Zentrumslastigkeit im Spielaufbau sowie ein Einbruch der Passquote kennzeichneten ein paar sehr schlechte Minuten von Hannover, die Berlin einige gute Gelegenheiten ermöglichten. Vor allem über die linke Seite wurden sie gefährlich, indem sie mit dem offensiv auftretenden Linksverteidiger Nico Schulz und dem dribbelnden Haraguchi die Hannoverschen Spieler inklusive des Solo-Sechsers Sané auf die Seite zogen und dann das unbesetzte Zentrum mit Valentin Stocker bespielen konnten. Von dort gelangten sie ein paar Mal in den Strafraum, in dem Kalou nach Lücken suchte und in einer in gewissen Szenen merkwürdig unorganisiert wirkenden 96-Hinterreihe auch fand.
In dieser für Hannover kritischen Phase Mitte des ersten Durchgangs traten die Berliner auch zunehmend mit etwas größeren Ambitionen im Spielaufbau auf. Vorher hatten die Herthaner als Reaktion auf das hohe Pressing und das frühe Anlaufen Hannovers zumeist auf lange Bälle zurückgegriffen. 96 trat gegen den Ball in meistens in einer 4-1-3-2-Formation an, das vor allem zu Anfang der Partie durch situative Mannorientierungen von Sané auf Stocker sowie Kiyotake auf Skjelbred stabilisiert wurde. Letzteres wurde danach auch weiterhin eher aufrecht erhalten, während sich Stocker zunehmend klug seines Bewachers entledigte und im Ballbesitz stärker auswich. Auch diese leichte Anpassung trug zur Steigerung der Berliner bei. Leichte Fortschritte im Spielaufbau wurden von Seiten der Hauptstädter durch aufrückende, ballschleppende Aktionen von Brooks und etwas bessere Verbindungen durch eine leicht veränderte Positionierung der Außenverteidiger erzeugt, sodass die Herthaner die Mittelphase des ersten Durchgangs deutlich offener gestalten konnten.

Die Schlussminuten der ersten Halbzeit wiederum gehörten wieder eher den Hausherren. Wenn überhaupt, so waren es minimale Änderungen im Spielaufbau durch einen etwas präsenteren Stindl oder einen etwas tieferen Albornoz, die neben einer Normalisierung der Fehlpassquote zu etwas besserem Spielfluss führten. Dennoch waren die Hauptquellen von Torgefahr Aktionen über die Flügel, die dann überwiegend an der guten Berliner Endverteidigung zerschellten. Teilweise gab 96 dennoch die Zentrumskontrolle auch in höheren Spielfeldzonen ab, abgesehen von Standardsituationen, ein paar Kontergelegenheiten durch die Berliner und Flügelangriffen ergaben sich bis zum Pausenpfiff allerdings keine großen Möglichkeiten mehr. Insgesamt zeigte 96 eine sehr wechselhafte Vorstellung in der ersten Halbzeit. Nach enorm schwungvollem, taktisch und spielerisch gutem Beginn mit großer Dominanz gestattete die Elf von Tayfun Korkut dem Gegner hauptsächlich mit eigenen Fehlern das Aufziehen der bevorzugten Spielweise und brachte sich selber um den Lohn der guten Ansätze. 96 war insgesamt überlegen, Hertha war insgesamt nie ungefährlich. Große Chancen waren auf beiden Seiten eher Mangelware, sodass ein dennoch nicht uninteressantes oder besonders schlechtes Spiel mit dem torlosen Unentschieden in die Pause ging.

Die zweite Halbzeit

Personell unverändert betraten beide Mannschaften den Platz zur zweiten Halbzeit. 96 besann sich wieder darauf, die Berliner Defensive in die Breite zu ziehen, um durch nachstoßende Läufe die Überlegenheit in engen Räumen auszunutzen und so den kompakten Gegner zu knacken. Hertha agierte in der zweiten Halbzeit durchaus etwas aktiver bei gegnerischem Ballbesitz und verblieb etwa bei gegnerischen Abstößen in einer höheren Stellung, wich aber nicht von der grundsätzlichen Marschroute ab. Nach wenigen gespielten Minuten spielte Hannover Lars Stindl im Rückraum frei, doch sein Distanzschuss fand nur den Pfosten des Tores.

In der Folge prägten vor allem intensive Duelle um den Ball und die Überlegenheit der Gäste im Kampf um die zweiten Bälle das Geschehen. 96 suchte immer wieder nach zentralen Kombinationen zwischen Stindl und Kiyotake und fand sie in einigen Situationen auch, offenbarte allerdings auch eines der vielleicht grundsätzlichen Probleme der derzeitigen Lage: ein Mangel an Spielintelligenz. Es gab einige Szenen zu beobachten, in denen sich beispielsweise Ya Konan prinzipiell gut fallen ließ, in der Folge aber eher der ballferne Flügelspieler gesucht wurde anstatt die lokalen Strukturen zu bespielen. In anderen Momenten wurde nach kombinativen Lösungen gesucht, wo eine weiträumigere Angriffsvariante gefragt gewesen wäre, wegen ungeschickter Läufe in gegnerische Kompaktheiten wurden Umschaltansätze vernichtet oder die Reaktionen auf das Zurückfallen des Stürmers waren sehr unbedacht (grauenvolle Szene etwa, als Ya Konan halbrechts ins zweite Drittel zurückfällt, der Ball nach ganz links auf Albornoz gespielt wird und dieser sofort ins natürlich völlig unbesetzte Zentrum flankt – und dann auch noch eine hohe Flanke…). So kam 96 trotz einzelner guter Szenen zwischen Kiyotake, Stindl und Albornoz nicht dauerhaft in die gute Struktur der Anfangsphase. Die Berliner blieben drohend-gefährlich mit Standardsituationen und einzelnen Kontern, an deren Ende ein paar auf den ersten Blick kritische Strafraumduelle standen.
Die folgenden Wechsel hatten nur wenig Einfluss auf das große Ganze des Geschehens. Bei Hannover ersetzte Bittencourt Jimmy Briand inklusive der technischen Fehler plus der selbstisolierenden Dribblings positionsgetreu, während bei den Berlinern mit Jens Hegeler ein defensiverer und etwas zentralerer Spielertyp für Roy Beerens auf der rechten Seite den Platz betrat. Der ebenfalls eingewechselte Joselu zeigte ein paar sehr schöne Momente im Kombinationsspiel, profitierte aber nicht gerade von der zuvor entstandenen Spieldynamik. So musste folgerichtig eine Ecke herhalten, um 96 in Führung zu bringen. Irgendwie fiel der Ball eine Viertelstunde vor dem Abpfiff Christian Schulz vor die Füße, der ein dem Spiel ungefähr angemessenes Tor aus dem Gewühl erzielte. Die Berliner waren somit zu mehr Offensivdrang gezwungen und reagierten mit vielen langen Bällen in die Spitze, bei denen sie mit den langen Hegeler und Kalou über geeignete Zielspieler verfügten uns sich wiederum stark auf die zweiten Bälle konzentrierten. Zudem griffen sie verstärkt auf Halbfeldflanken ins Gewühl zurück, die aber natürlich nichts einbrachten. Nach einem Foul des zuvor für Kiyotake eingewechselten Andreasen wehrte 96 die hohe Hereingabe noch ab, aus der Distanz versenkte Stocker den zweiten Ball allerdings technisch anspruchsvoll zum Ausgleich. In den letzten Minuten bis zum Abpfiff versuchte 96 wie über die gesamte Spielzeit zuvor bereits viel, konnte trotz zweier vielversprechender Situationen in Tornähe den Siegtreffer allerdings nicht mehr erzwingen.

Fazit

er ersehnte Befreiungsschlag in Form des ersten Sieges im Jahr 2015 blieb der Mannschaft von Tayfun Korkut also erneut verwehrt. Diesmal zeichneten sich dafür vor allem eine schlechte Reaktion auf eine nur leicht veränderte Berliner Mannschaft im ersten Durchgang, individuelle technische Fehler und einige schlechte Entscheidungen im Passspiel verantwortlich. 96 war insgesamt betrachtet natürlich die aktivere, dominante und drängendere Mannschaft , sah sich aber einer ballnah extrem intensiv auftretenden, aber nicht wirklich aggressiv verschiebenden Berliner Mannschaft gegenüber, die nicht ganz zu Unrecht in den letzten Spielen kaum Gegentore zu verzeichnen hatten. Nach dem etwas glücklichen Führungstreffer in der von Seiten Hannovers nicht schlechten, aber spielerisch auch nicht wirklich überzeugenden zweiten Halbzeit konnte 96 den Vorsprung nicht zum so wichtigen Heimsieg durchbringen – weil der gegnerischen Mannschaft erneut ein nicht gerade alltägliches Tor gelang. Zwar machten die Roten defensiv abgesehen von einigen Kleinigkeiten und von ein paar strukturellen Problemen nicht viel falsch, die hohe Qualität der Berliner Offensivabteilung sorgte allerdings über fast das gesamte Spiel für punktuelle Gefahr, sodass das Resultat einigermaßen leistungsgerecht ausfällt. Den Zuschauern bot sich das erwartungsgemäß zähe Spiel gegen einen defensivorientierten Gegner, in dem 96 viel probierte, ein paar grundsätzlich interessante Lösungsansätze anbot, aber letztlich ein wenig zu inkonstant und ungefährlich blieb. Das Engagement und die guten Ansätze sind 96 wie eigentlich immer nicht abzusprechen, für mehr als ein nur bedingt wertvolles Unentschieden reichte das aber am heutigen Tag nicht.

Spieler des Spiels: Lars Stindl

Wie bereits in der Analyse erwähnt zeigten Hiroki Sakai und Jimmy Briand in der Anfangsphase der ersten Halbzeit ein paar sehr sehenswerte Aktionen im Angriffsdrittel und überzeugten dabei mit guter Abstimmung. Auch defensiv erledigte Sakai seine Aufgabe im Rahmen seiner Möglichkeiten zufriedenstellend. Hiroshi Kiyotake sollte seine Stärken als Nadelspieler bewusst gegen die aggressiven Berliner in den Halbräumen einbringen, um von dort zu entscheidenden Aktionen im Zentrum beizutragen. Dies gelang in einigen Szenen auch im Zusammenspiel mit Lars Stindl gut, in anderen trat er jedoch sehr ungeschickt und gewohnt kurzsichtig auf. Lars Stindl machte definitiv auch nicht sein bestes Spiel im 96-Trikot, war aber wie immer sowohl im Spielaufbau, als auch im Kombinationsspiel, als auch im Angriffsdrittel präsent und mit guten Szenen auffällig, sodass er insgesamt durchaus herausstach. In der Bilanz überwiegen die guten Aktionen die etwas überhastet-dominanten Entscheidungen mit zu großem Anspruch an das Prägen von Spielsequenzen. Und es ist auch schwierig, zum taktischen SdS zu werden, wenn Lars Stindl auf dem Platz steht und ihm nicht ein Bein fehlt.

Kategorien: Taktik-Analyse